Werke von Debussy, Honegger, Milhaud, Poulenc und Schmitt
Ralph Manno, Klarinette
Alfredo Perl, Klavier
Die Kulturgeschichte der Klarinette ist eng mit der
Musiktradition Frankreichs im 19. Jahrhundert verbunden.
Die Klarinettenschule am Pariser Conservatoire
und ihr reger Austausch mit französischen
Instrumentenbauern führte zu einem spezifischen
Stil, der von den zeitgenössischen Komponisten stetig
weiterentwickelt wurde. Debussy war der Leitstern,
in seinem Gefolge zum Beispiel der 1870 geborene
Florent Schmitt. Erst die Komponisten der Groupe
de Six, unter ihnen Honegger, Milhaud und Poulenc,
wandten sich von der impressionistischen Stilistik ab
und führten mit geometrischen Formen, rhythmischer
Prägnanz und polytonal organisierter Harmonik
die französische Musik in die Moderne. Diese
spannende Phase der Musikgeschichte demonstrieren
Ralph Manno und Alfredo Perl auf dieser CD.
French Clarinet Rhapsody
Werke für Klarinette und Klavier
Die Kulturgeschichte der Klarinette
ist eng mit der Musiktradition Frankreichs
im 19. Jahrhundert verbunden.
Die instrumententechnische Innovation
des Ringklappensystems durch
den Pariser Klarinettisten Hyacinthe
Klosé und den Instrumentenbauer
Louis Buffet (die sogenannte Böhmklarinette),
aber auch Klarinettenschulen,
die vom Pariser Conservatoire
aus Verbreitung fanden (Jean
Xavier Lefèvre 1802, Klosé 1843), trugen
zur Konstituierung eines französischen
Nationalstils bei, der nicht zuletzt
durch die Hegemonie der französischen

Hauptstadt bedingt war. Der
musikhistorische Erfolg der Klarinette
ist mit ihrem der menschlichen Stimme
vergleichbaren Timbre zu erklären;
charakteristische Schönheit des
Tons und sanglicher Ausdruck trugen
zur Ästhetisierung des Instruments
bei. Besonderen Reiz bietet die Kantilenenweite
mittlerer Lage (etwa der
B-Klarinetten) und eine durch Dynamik
und Eigenklang bedingte Farbenvielfalt,
die das Instrument insbesondere
für den Impressionismus interessant
machte. Debussy komponierte
die Première Rhapsodie für B-Klarinette
und Klavier (später vom Komponisten
für Orchester bearbeitet) als
Prüfungsstück für das Pariser Conservatoire,
er selbst war Mitglied der
Kommission für Blasinstrumente.
Petite
Pièce entstand als Wettbewerbsstück
für das Blattlesen. Beide
Kompositionen
wurden vom Widmungsträger,
dem französischen Klarinettisten
Paul Mimart, uraufgeführt.
Florent Schmitt ist stilistisch dem
Impressionismus
Debussys verbunden,
was sich in der Romantisierung
und ästhetischen Verklausulierung
von Landschaften manifestiert. Das
Andantino op. 30 (komponiert 1906) ist
die Bearbeitung einer originär für
Milhaud Absolvent am Pariser Conservatoire
– schreibt in einem Essay
über die musikhistorische Entwicklung
nach Debussy: »Das Auftreten
von Claude Debussy ist daher ein
Ereignis,

dessen Bedeutung man heute
erkennt; denn an diesem Tage ist
die französische Schule an die Spitze
der musikalischen Bewegung in der
Welt getreten. […] Aber es ist wohl
klar, dass man sich, im Jahre 1919, entschieden
von der großen Gestalt
Debussys
abwenden musste […]. Man
kritisierte uns scharf und warf uns
Anmaßung, Unwissen und Respektlosigkeit
vor, während wir doch nur aus
dem Instinkt rechtmäßiger Verteidigung
handelten.« Die musikalische
Jeunesse, die in Frankreich als Brücke
zur Moderne in die Geschichte eingegangen
ist, wird als »Les Six« (Honegger,
Poulenc, Milhaud, Auric, Durey
und Tailleferre) bezeichnet. Die Bedeutung
der Gruppe liegt in der Ab
Sopran komponierten Vokalise. Der
Schweizer Komponist Arthur Honegger
– wie Francis Poulenc und Darius
Abkehr von den Konventionen, die der
französischen Musik trotz der
Leistungen Debussys noch immer anhafteten.
Die Klarinettenstücke der
»Six« stehen dem impressionistischen
Ästhetizismus Debussys diametral gegenüber.
Honegger fällt stilistisch
durch seine Verwendung von Klangballungen
und Monumentalstrukturen
etwas aus der Gruppe, die Einfachheit
und Klarheit postuliert,
heraus.
Dagegen spiegelt Milhauds
Sonatine
op. 100 den juvenalen Stil der
»Six« in geometrisch-eckigen Rhythmen
und geradezu kubistisch abstrahierbarer
Harmonik wieder, deren
Grundlage charakteristischerweise
die Polytonalität ist. Die Klarinettensonate
von Poulenc entstand erst
1962, im Jahr vor dessen Tod, als Teil
einer Trias von Kompositionen für
Holzblasinstrumente. Ähnlich den
letzten Kompositionen Debussys unterstreicht
auch er in diesem Spätwerk
die technischen Möglichkeiten
des Instruments zugunsten klanglicher
Schönheit.
Therese Muxeneder