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Sämtliche Werke für Klavier solo Vol. 3
Variationen op. 21/1&2
Händel-Variationen op. 24
Paganini-Variationen op. 35
Andreas Boyde, Klavier
Der deutsche Pianist und Wahl-Londoner Andreas
Boyde hat das Klavierwerk von Johannes Brahms
zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit erklärt. In
einer Folge von 5 CDs erscheint bei OehmsClassics
das Gesamtwerk für Klavier solo. Nach den drei
Klaviersonaten und den Werken op. 4, 9 und 10 folgt
auf Vol. III ein Programm mit Variationenwerken: op.
21 Nr. 1 & 2, die Händel-Variationen op. 24 und die
Paganini-Variationen op. 35.
Effektheischerei ist Andreas Boyde in seinen Brahms-
Interpretationen fremd, Eindringlichkeit durch kluge
Disposition und musikalische Wahrhaftigkeit lautet
seine Botschaft an das Publikum: „Boyde gelingt die
Quadratur des Kreises: höchste Intensität im jugendlichen
Überschwang steht neben einer Durchsichtigkeit des
Klaviersatzes und der Zartheit plötzlich aufscheinender
Lyrik“ urteilte die SZ über seine Sonaten Nr. 1&2.
„…erfinde ich wirklich neu“
Brahms und die Variation
Wer über Johannes Brahms’ Schaffen
spricht, kommt um das Kapitel „Variation“
nicht herum. Und wer über Brahms’
Variationen spricht, muss mit der Klaviermusik
beginnen: den Variationssätzen der Klaviersonaten
Nr. 1 und 2, den Schumann-Variationen
op. 9 und dem Variationenpaar op. 21. Erst
1860 entstand mit dem Andante ma moderato
des 1. Streichsextetts op. 18 eine Variationsreihe
außerhalb des Klavierschaffens. Doch
selbst dieser Satz war noch mit dem Klavier
verbunden, denn Brahms schuf für Clara
Schumann auch eine zweihändige Klavierfassung
(Thema und Variationen), die beide
später öffentlich spielten. Ab 1864 – nach den
Händel-Variationen op. 24 und den vierhändigen
Schumann-Variationen op. 23 von 1861
sowie den Paganini-Variationen op. 35 von
1862/63 – dominierten dann Variationsfolgen
ohne Klavier. Sie reichten vom Adagio des
2. Streichsextetts op. 36 über die entweder
zweiklavierigen oder orchestralen Haydn-Variationen
op. 56a/b und das Passacaglia-Finale
der 4. Symphonie op. 98 bis zum Schlusssatz
der Es-Dur-Klarinettensonate op. 120 Nr. 2.
Was reizte Brahms so sehr an Variationen?
Es war wohl vor allem der Gegensatz von Bindung
(an das Variations-Thema) und Freiheit
(der Gestaltung). Außerdem waren Variationen
für ihn ein guter Gradmesser der eigenen
Entwicklung: Die Variationen der ersten beiden
Klaviersonaten galten ihm später womöglich
als problematisch, weil sie sich stark auf
die Melodie des Themas konzentrierten. Und
die 1854 entstandenen Schumann-Variationen
op. 9 mit ihren genialischen Schumann-Anspielungen
und ihrer poetischen Kontrapunktik
erschienen ihm rückblickend so frei, dass
er sie am liebsten „Phantasie-Variationen“
genannt hätte. Spätestens als Joseph Joachim
ihm im Frühsommer 1856 im Zuge der
gemeinsamen Kompositionsstudien einige
Klaviervariationen sandte, begann Brahms
neu über die Gattung nachzudenken. Die erste
Variationen-Sendung des Freundes erschien
ihm kompositorisch noch nicht streng genug:
„Ich mache manchmal Betrachtungen über
die Variationenform und finde, sie müsste
strenger, reiner gehalten werden. Die Alten
behielten durchweg den Baß des Themas, ihr
eigentliches Thema, streng bei. […] Ich muß
aber manchmal finden, daß Neuere (wir beide!)
mehr (ich weiß nicht recht Ausdrücke)
über das Thema wühlen. Wir behalten oft die
Melodie ängstlich bei, aber behandeln sie
nicht frei, schaffen eigentlich nichts Neues
daraus, sondern beladen sie nur.“ Aus diesen
Äußerungen – die in der Brahms-Literatur
oft zitiert wurden, ohne dass man das fragliche
Werk kannte – zog Joachim Konsequenzen:
In der endgültigen Fassung machte er die
Bass- und Harmoniefolge des ‚archaisierenden’
Themas konsequent zum Gerüst seiner
insgesamt 18 Variationen.
Sie dürften Brahms zur Komposition seiner
eigenen Variationen über ein ungarisches Lied
op. 21 Nr. 2 angeregt haben, die er Joachim im
Spätherbst 1856 schickte. In mancher Hinsicht
ähneln sie Joachims Elfenlied-Variationen –
angefangen beim ‚national’ gefärbten Tonfall
des ebenfalls nur achttaktigen Themas (das
bei Brahms durchweg zwischen 3/4- und 4/4-
Takt wechselt). Stärker noch als bei Joachim
schließen sich Brahms’ Variationen zu Gruppen
zusammen und werden zunehmend in den
Sog eines Variationsprozesses hineingezogen.
Dieser mündet nach Variation 13 in ein rondoartiges
Finale, das eine potenzierte Variation
darstellt und mit der Wiederkehr des Themas
endet. Als Max Kalbeck die Ungarischen Variationen
in seiner großen Brahms-Biographie
ins Jahr 1853 datierte und als unreifes Werk
abtat, irrte er gleich doppelt: im Hinblick auf
Entstehungszeit und Qualität des Werkes.
Brahms’ Auseinandersetzung mit der Variation
ging weiter, als er Anfang 1857 Variationen
über ein eigenes Thema komponierte.
Ausgangspunkt ist ein Thema aus 2x9 Takten,
für das ein verhalten hymnischer Tonfall, die
eigentümliche Verquickung von polyphonem
und homophonem Klaviersatz und Orgelpunkte
charakteristisch sind. Aus diesem vielschichtigen
Fundus konnte Brahms in den 11 Variationen
immer wieder neu schöpfen, ohne den
engen Bezug zum Thema aufzugeben. Die
verschollene Erstfassung muss starke Ausdrucksgegensätze
enthalten haben – bis hin
zu einer „feurigen Coda“. Das hielt Joachim
für problematisch. Er meinte, solch gewaltsame
Kontraste seien dem Thema mit seiner
„keuschen Zärtlichkeit“ und seinem fast religiösen
Charakter nicht angemessen, sondern
wirkten „höchstens geistreich gemacht“.
Die endgültige Werkgestalt mutet denn auch
erheblich einheitlicher an, wobei Variation 5
einen ebenso kunst- wie ausdrucksvollen Kanon
in der Gegenbewegung ausformt und die
Moll-Variationen 8 und 9 deutliche, doch nicht
drastische Charakterkontraste bereitstellen.
Die 11. Variation ist wiederum eine Multi-Variation,
deren Trillerketten an die Variationssätze
aus Beethovens späten Klaviersonaten op.
109 und 111 erinnern, ehe die empfindungsreiche
Coda das Thema und die ersten beiden
Variationen nochmals zart anklingen lässt.
Zusammen mit den Variationen über ein
ungarisches Lied erschienen die Variationen
über ein eigenes Thema im März 1862 unter
der Opuszahl 21 im Druck. Zu jener Zeit hatte
Brahms ein tragfähiges Variationskonzept
gefunden. Im schon erwähnten Variationssatz
des 1. Sextetts mit seinem ‚historisierenden’
Thema wie auch in den Händel- und Paganini-
Variationen mit ihren ‚historischen’ Themen
praktizierte er das, was er 1869 gegenüber
Adolf Schubring als sein Variationsideal beschrieb:
„Über den gegebenen Baß erfinde
ich wirklich neu, ich erfinde ihm neue Melodien,
ich schaffe.“
Das zeigen die Variationen und Fuge über
ein Thema von Händel op. 24 eindrucksvoll.
Das Thema war schon von Händel selbst für
Variationen genutzt worden. Auf dem Fundament
seiner Bass- und Harmoniefolge schuf
Brahms in den 25 Variationen samt Fuge immer
neue Variationscharaktere mit ‚neuen’
Melodien, harmonischen Umdeutungen und
wechselnden pianistischen Techniken. Oft
sind zwei oder mehr Variationen zu größeren
Einheiten zusammengefasst, beispielsweise
die b-Moll-Nummern 5–6. Einige im Tempo zurückgenommene
Variationen (Nr. 9, 13) bilden
expressive Ruhepunkte im unkonventionellen,
doch zwingend gestalteten Gesamtverlauf.
Die Schlussfuge potenziert und krönt diese
Entwicklung. Mitunter wirkt sie wie die Klavierbearbeitung
einer Bachschen Orgelfuge –
so dass man beinahe von einem Doppelporträt
der Großmeister Bach und Händel sprechen
möchte.
Auch das Thema der Paganini-Variationen
op. 35 stammte aus einem Variationenwerk:
Nicolò Paganinis 24. Caprice für Violine solo
in a-Moll, die eine ganze Reihe späterer Komponisten
zum Weiterdenken anregte. Brahms’
Doppeltitel – Studien für das Pianoforte. Variationen
über ein Thema von Paganini – signalisiert,
worum es geht – um höchst anspruchsvolle
pianistische und kompositorische Studien, die zum hochvirtuosen Kunstwerk werden.
Den Plan, auch hier eine Fuge zu integrieren,
gab Brahms bald wieder auf. Doch das launiglapidare
Thema mit seinen permanenten Wiederholungen
und Sequenzierungen regte ihn
so stark an, dass er 1866 gleich zwei Hefte mit
jeweils 14 Variationen herausbrachte. Beide
Folgen enden (wie das Werkpaar op. 21) mit
einer wirkungsvollen Multi-Variation. Formale
Schlüssigkeit und extreme, manchmal geradezu
dämonische Virtuosität verbinden sich
auf unnachahmliche Weise: Bis heute sind die
Paganini-Variationen eine Herausforderung –
für Spieler und Hörer!
Michael Struck
Johannes Brahms Gesamtausgabe,
Forschungsstelle Kiel
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