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Alban Berg: Klaviersonate op. 1
Johannes Brahms: Variationen über ein Thema von
N. Paganini
a-Moll op. 35
Ludwig van Beethoven:
32 Variationen über ein originales Thema WoO 80
Johann Sebastian Bach:
Englische Suite Nr. 3
Jura Margulis, Klavier
Vier Komponisten, vier große Vertreter ihrer jeweiligen
musikalischen Epoche: Das Programm beginnt
mit dem jüngsten Werk, Alban Bergs Sonate op. 1,
ein Frühwerk, das noch an die klassische Form und
Tonalität gebunden ist, jedoch bereits Merkmale
des kommenden Zeitalters der Moderne trägt. Es
folgen Brahms’ hochvirtuose Paganini-Variationen,
Beethovens Beethovens Variationen c-Moll von 1806
und schließlich Bachs Englische Suite Nr. 3.
Jura Margulis studierte bei seinem Vater, dem
legendären Pädagogen Vitaly Margulis sowie bei
Leon Fleisher. Er konzertiert weltweit und hält eine
Professsur am J.W. Fullbright College der University
of Arkansas.
Jura Margulis stellt auf dieser CD pianistisch
herausragende Werke von vier Komponisten
aus vier musikalischen Epochen
vor: Berg als Komponist im Aufbruch in die
Moderne, Brahms als der große Vertreter
der Spätromantik, Beethoven als das Genie
der Klassik und Bach als der Vollender des
Barock. Sie alle bewegen sich in den hier
präsentierten Werken formal noch in der
Tradition ihrer Zeit, suchen aber zugleich in
der Ausgestaltung der Form konsequent neue
Ausdrucksmittel.
Alban Berg (1885–1935)
Sonate op. 1
Der österreichische Komponist Alban Berg
zählt zu den großen Vertretern der Neueren
Musik des 20. Jahrhunderts. Sein Werk steht
im Zeichen des Übergangs von der Spätromantik
in die Moderne, die in der Musik mit
der klanglichen Atonalität des Expressionismus
bis hin zur Zwölftontechnik ihren Ausdruck
fand. Mit Anton Webern zählt Berg zum
engen Kreis der Zweiten Wiener Schule, dem
Komponistenkreis um Arnold Schönberg.
Berg selbst sah sich als „natürlicher Fortsetzer
richtig verstandener, guter, alter Tradition“,
wobei diese Fortsetzung als die historisch folgerichtige
Auflösung und Überwindung der
spätromantischen Tradition im Übergang zur
Moderne verstanden werden kann.
Seine Klaviersonate op. 1 kann als ein solches
Werk des Übergangs gesehen werden.
Es ist die einzige Sonate, die Berg komponierte,
und ein Frühwerk, das im Jahr 1909
(nicht 1907/08, wie lange gemutmaßt wurde)
entstand. Berg schrieb sie in seiner Studienzeit
quasi als Abschluss des regelmäßigen
Unterrichts bei Arnold Schönberg, dessen
Schüler er seit 1904 war. Die Sonate in der
Tonart h-Moll ist noch in der klassisch-romantischen
Tonalität gebunden und besteht
aus einem regulären Sonatenhauptsatz. Sie
ist insofern einerseits der „klassischen Form“
verpflichtet, andererseits wirkt sie „modern
in der seelischen Durchdringung, der Ökonomie“,
schrieb der Interpret Eduard Erdmann
1920 in seinem Aufsatz über „Moderne Klaviermusik“.
In der Ausgestaltung der Form
finden sich viele unkonventionelle Ansätze.
Eine überaus ausgeweitete Tonalität, ganztönige,
vielfach chromatische Stimmführung,
die Bevorzugung von Quartakkorden, Reichtum
an thematisch-motivischen Variationen,
übermäßige Dreiklänge in Motivik und Harmonik.
In der Beschränkung auf nur einen
Satz erreicht die Sonate eine hohe Konzentration.
Berg soll zunächst noch an weitere
Sätze gedacht haben, konnte aber nichts Geeignetes
ersinnen. Sein Lehrer Schönberg soll
ihn daraufhin beruhigt haben: „Nun, dann
haben Sie eben alles gesagt, was zu sagen war“.
Johannes Brahms (1833–1897)
Studien für Pianoforte – Variationen über
ein Thema von N. Paganini op. 35, Heft I
und II
Es ist das technisch schwierigste und halsbrecherischste
Virtuosenstück der Klaviermusik
Brahms’. Inspiriert vom legendären Teufelsgeiger
Paganini entnahm Brahms das Thema
für seine Variationen dessen Capriccio op. 1
Nr. 24 in a-Moll. Die bedeutende Pianistin
Clara Schumann bezeichnete sie als „Hexenvariationen“
und hielt sie zunächst für
unspielbar. Da sie höchste pianistische Meisterschaft
erfordern, werden sie oft als virtuoses
Salonstück aufgefasst; indessen bieten sie
dem Pianisten einen weit vielschichtigeren
Interpretationsansatz. Der Vorsatz „Studien
für Pianoforte“ bezeugt die ursprüngliche
Funktion als Übungen – die Variationen
entstanden 1862–63 zunächst als einzelne
Studien, die Brahms bei seiner Konzertvorbereitung
als Fingerübungen nutzte.
Mit den Paganini-Variationen lässt sich
nicht nur im Konzertsaal glänzen, sondern sie
sind gerade aufgrund der traditionellen Tonleiter-,
Arpeggio-, Oktav-, Akkord- und Doppelgriffstudien,
sowie der neuartigen polyrhythmischen
Strukturen, komplexer und verwegener
Melodieführung, neuartiger Violinimitationen
und der ungarischen Harmonik ein äußerst
wertvolles und aufschlussreiches Studienmaterial.
Erst 1865 wurden sie zu zwei Heften mit
je 14 Variationen ausgearbeitet, die jeweils mit
einer Coda in sich geschlossen wurden. Sie
enthalten so viel der persönlichen Tonsprache
von Brahms, dass sie als meisterhaftes Beispiel
seiner Klavierliteratur zu werten sind. Um
dieses zweiteilige Werk als Ganzes im Konzert
aufzuführen, erlaubte Brahms dem Pianisten
Heinrich Barth bereits 1880, beide Hefte zu
kombinieren und zu einem kompletten Werk
zusammenzuführen. Auch Clara Schumann
gestattete sich, einige Variationen aus beiden
Heften auszusuchen und aufzuführen. Verschiedene
Kombinationen
sind seither versucht
worden, und eine Aufführungspraxis hat sich
im 20. Jahrhundert eingebürgert: Dabei wird
die Coda des ersten Heftes entweder weggelassen,
oder ein Dominantpunkt in dieser Coda
dient als Übergang in den zweiten Band, in
beiden Fällen ohne das Thema zu wiederholen.
Ludwig van Beethoven (1770–1827)
32 Variationen c-Moll über ein eigenes Thema
WoO 80 (1806)
Die 32 Variationen c-Moll über ein eigenes Thema
WoO 80 entstanden im Jahre 1806 und gehören
zu Beethovens 25 Variationszyklen für
Klavier. Sie sind höchst aufschlussreich und
finden im Repertoire der Pianisten zu wenig
Beachtung. Wie in einem Kompendium seiner
Klaviertechnik führt er hier Spielfiguren vor,
die sich in vielen anderen seiner Werke wiederfinden.
Das achttaktige Thema in c-Moll
setzt mit einer chromatisch absinkenden Bassfigur
ein, der Variationszyklus ist im Format
einer weitläufigen Passacaglia gestaltet. Damit
stellt Beethoven seine Variationen in c-Moll in
Beziehung zur großen Barocktradition und
entwickelt sie gleichzeitig weiter. Der Umgang
mit dem Thema in den Variationen ist neuartig
und charakteristisch für Beethovens kompositionstechnische
Verdichtung. Er fügt einzelne
Variationen zu Gruppen zusammen und stellt
darüber hinaus übergeordnete Zusammenhänge
her. Somit webt er die zahlreichen Variationen
vielschichtig zusammen, und das
Einzelne tritt in den Dienst des Ganzen.1 Die
Variationen-Reihung wird integriert zu einer
werkgerechten Geschlossenheit und findet ihre
selbständige Form, die richtungweisend werden
sollte. Seit Beethoven schmieden große Komponisten
Variationen zu geschlossenen Werken:
Die Symphonischen Etüden von Schumann, die
Variations Sérieuses von Mendelssohn und auch
die Paganini-Variationen von Brahms sind klassische
Beispiele dafür.
Johann Sebastian Bach (1685–1750)
Englische Suite Nr. III g-Moll BWV 808
Die Bezeichnung der sechsteiligen Werkreihe
als Englischen Suiten BWV 806-811 stammt
nicht von Bach selbst und führt zu Kontroversen.
2 Wie die Französischen Suiten BWV
812-817, die „kleinen Schwestern“, und die
Partiten BWV 825-820, folgen sie dem traditionellen
französischen Tanzsuiten-Typus.
Charakteristisch sind hierfür die Satzfolge
Allemande, Courante, Sarabande und Gigue,
die Bach jedoch auch erweiterte.
Die Englische Suite Nr. III in g-Moll beginnt
mit einem virtuosen Prélude, das auf
die Tutti-Soli-Wechsel des Concerto grosso
hinweist. Nach dem klassischen Grundprinzip
einer ruhig schreitenden Allemande, einer
beschwingten Courante, einer feierlich-erhabenen
Sarabande 3 wird vor dem Schlusssatz
als fünfter Tanzsatz eine zweiteilige Gavotte
eingefügt. Als Gegengewicht zum Prélude
dient die polyphone Durchgestaltung der
Gigue. In der Englischen Suite kulminieren
glanzvolle Aspekte des Barock: festliche
Pracht, Lebendigkeit, aber auch ganz gewöhnliche
Spielfreude. Die vorliegende Suite
ist bezeichnend für Bachs musikalisches
Schaffen: In der Ausgestaltung traditioneller
und klassischer Formen, mit Proportionalität
und klarer Gliederung erreichte er ein
Höchstmaß an musikalischer Perfektion, die
allgemeingültig ist.
Irmgard Preisinger
Freiburg, 2009
1 Adorno sah bei Beethoven das Thema als nichtig
und konstatierte: „Die Nichtigkeit des Einzelnen,
dass das Ganze alles bedeutet und – wie am Schluss
von op. 111 – rückblickend Details als vollzogen beschwört,
die nie da waren, bleibt ein zentrales Anliegen
jeder Theorie Beethovens“ (Th.W. Adorno,
Beethoven. Philosophie der Musik. Fragmente und
Text, Frankfurt 1993)
2 Die Behauptung des Bachmonographen Nikolas
Forkel von 1802, dass „sie der Componist einem
vornehmen Engländer gemacht hat“, ist nicht belegt
und umstritten. Gegenläufig dazu wird behauptet,
Bach hätte sich eine Londoner Suitensammlung
zum Vorbild für seine Suiten genommen, ihr Verfasser
sei allerdings ein gebürtiger Franzose namens
Charles Dieupart gewesen.
3 Gerade bei der Sarabande zeigt sich das Clavichord
als ideales Aufführungsinstrument, da es
eine große Mannigfaltigkeit in der Schattierung
des Tones bietet und deshalb von Bach besonders
geschätzt wurde.
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