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Orgeltranskriptionen von berühmten
Werken russischer Komponisten
Three Organ Transcriptions
Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung · Rachmaninov:
Die Toteninsel · Strawinsky: Drei Tänze aus “Petruschka”
Hansjörg Albrecht, Orgel
Groß vorzustellen braucht man ihn nicht mehr, mittlerweile
zählt Hansjörg Albrecht zu den großen Organisten
seiner Generation. Eine seiner Spezialitäten: Er
transkribiert Werke, die eigentlich gar nicht für Orgel
geschrieben sind. Bei OehmsClassics sind bereits Ausschnitte
aus Richard Wagners Ring der Nibelungen
sowie die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian
Bach erschienen. Für seine dritte Aufnahme mit Orgeltranskriptionen
hat sich Hansjörg Albrecht an russische
Klassiker gewagt. Zu hören sind Modest Mussorgskys
Bilder einer Ausstellung: Den Zyklus hat der
Komponist ursprünglich für Klavier geschrieben, von
Maurice Ravel stammt eine Bearbeitung für Orchester.
Dagegen hat Sergei Rachmaninow seine Toteninsel für
Orchester komponiert. Die Sinfonische Dichtung verarbeitet
das gleichnamige berühmte Bild von Arnold
Böcklin. Mit Petruschka für großes Orchester hat wiederum
Igor Stravinsky 1911 einen regelrechten Skandal
ausgelöst: Zu kühn war die motorische Rhythmik.
Wie auch bei den Vorgängereinspielungen handelt es
sich um high-endige SACD-Aufnahmen.
Bilder aus Russland
Kirchen und Klöster mit vergoldeten Zwiebeltürmen
und den weithin sichtbaren
orthodoxen Kreuzen / endlose Weiten mit im
Sommer bläulich-grün schimmernden Seen
und lichten Birkenwäldern sowie mit Glöckchen
behangene Pferdeschlitten inmitten tief
verschneiter winterlicher Landschaften / gewaltige
Gegensätze zwischen monströsen Palästen
und Herrenhäusern in Städten wie Moskau,
St. Petersburg oder Kiew und ärmlichsten
Holzhütten auf dem Lande / Bischöfe in langem
goldbesticktem Ornat, Priester und einfach
gekleidete Bauern mit langen, wallenden
Bärten, Bojaren in wertvollen Pelzen, Kosaken
und berittene Soldateska, ausgelassene Kinder,
junge Mädchen in kunstvoll bestickten Gewändern
und alte bettelnde Babuschkas in Sackleinen
/ Knoblauch, Wodka, Kaviar / Rubel,
Gold und Diamanten / Analphabetismus und
Leibeigenschaft, zudem ein perfides und perfekt
funktionierendes Korruptionssystem innerhalb
der Klassengesellschaft sowie der berühmte
Ausspruch „nu schto?“ – „Nun was? (Es wird
schon...)“ – und über all diesem bunten feudalmittelalterlichen
Treiben der Klang der Glocken
und orthodoxen Gesänge, verbunden mit dem
ewigen Glauben an eine bessere Welt.
Die hier eingespielten Transkriptionen großer
sinfonischer Klavier- und Orchesterwerke des
19. und 20. Jahrhunderts spiegeln in unterschiedlichster
Art diese Zeit sowie die Sehnsucht
und Suche nach dem Ur-Russischen in der Musik
wider, auch wenn jeder der drei Komponisten
ganz eigene Wege dabei gegangen ist:
Modest Mussorgski (1839–1881), vielleicht
der nationalste von ihnen, lernte als Autodidakt
komponieren, verachtete alle „zivilisiert-europäische
Musik“ und brachte auf ganz persönliche
Weise die Derbheit der russischen Volksmusik
in seine Tonschöpfungen ein. Heute besinnt
man sich wieder auf seine Originalfassungen
mit ihren kirchentonal geprägten Melodien
und stampfenden Rhythmen. Er starb alkoholabhängig
und völlig verarmt in einem St. Petersburger
Militärhospital.
Sergej Rachmaninow (1873–1943) stand
wie sein Vorbild Tschaikowsky westlichen Strömungen
nahe und verwendete russische Züge
eher zur Einfärbung. Er emigrierte in die Vereinigten
Staaten, gilt seit der Veröffentlichung
seines berühmten Prélude cis-moll auch als
einer der Väter der amerikanischen Filmmusik,
erntete großen Ruhm vor allem als Pianist und
Dirigent und litt – wie so viele Russen in der
Fremde – zeitlebens unter seiner großen Sehnsucht
nach der Heimat.
Igor Strawinski (1882–1971), der nach außen
hin schillernd wirkende Weltbürger und
Bohémien, mit Lebensstationen in Russland,
Frankreich, der Schweiz sowie den USA, legte
sich kompositorisch nie auf einen Stil fest und
spielte förmlich mit allen gängigen musikalischen
Mitteln des 20. Jahrhunderts. Doch auch
er war in seinem Innersten von „Mütterchen
Russland“ geprägt: Russische Folklore und wilde,
ausgelassene Tänze bestimmen die Schreibweise
seiner ersten großen Werke.
Russland – ein Land der Orgel?
Ja und nein. Die Tradition der orthodoxen Liturgie
erlaubt(e) keinerlei Mitwirkung von Instrumenten
im Gottesdienst. Dafür errichteten
seit Beginn des 19. Jahrhunderts hauptsächlich
ausländische Firmen große Orgeln in Konzertsälen
und Musikhochschulen. Das berühmteste
Beispiel ist zweifellos die aus dem Jahre 1899
stammende sinfonische Orgel der Pariser Orgelmanufaktur
Cavaillé-Coll im Konzertsaal
des Moskauer Tschaikowski-Konservatoriums.
Die Orgel als Konzertinstrument übt auch
heute in Russland – anders als derzeit hier in
Mitteleuropa – eine unglaublich große Faszination
aus. Zudem empfinde ich persönlich für
Russland und im Besonderen für seine Kultur
seit vielen Jahren eine starke Sympathie. Und so
war es ein kleiner Traum, mit der orgelgemäßen
Einrichtung dieser drei so ganz unterschiedlich
gearteten russischen Werke wieder einmal musikalische
und technische Grenzen der Orgel auszuloten.
Feinste dynamische Abstufungen (mit
fast 1000 verwendeten Klangkombinationen)
und teilweise ganz neuartige Klänge zeigen die
„Königin der Instrumente“ in einem faszinierenden
Gewand. Entstanden ist eine große dreiteilige
„Sinfonische Dichtung“, beginnend mit
einer überdimensional angelegten Introduktion
(Bilder einer Ausstellung), einem pastellartigen
und impressionistisch schimmernden Intermezzo
(Toteninsel) sowie einem dreiteiligen Finale
(Petruschka), welches in ein sich immer schneller
drehendes Jahrmarktskarussell mündet,
übertönt vom strahlenden Glanz der Glocken.
Hansjörg Albrecht
Bilder einer Austellung
Der Zyklus Bilder einer Ausstellung – eigentlich
ein Klavierwerk, zum Andenken an
Mussorgskis Freund, den Architekten, Zeichner
und Maler Viktor Alexandrowitsch Hartmann
entstanden – zählt zu den bedeutendsten Werken
der Musikliteratur. Den Welterfolg dieses
Werkes hat der Komponist selbst nicht mehr

erlebt. Gedruckt wurde es erstmals im Jahre 1886.
Zur Popularität, die das Werk im 20. Jahrhundert
erlangte, trug die 1922 von Maurice Ravel
geschaffene große Orchesterfassung wesentlich
bei. 1931 erschien der Zyklus als Bestandteil von
Mussorgskis „Sämtlichen Werken“, zahlreiche
Neudrucke und Bearbeitungen für die unterschiedlichsten
Instrumente und Ensembles – darunter
auch die Orgel – folgten. Gleichfalls sind
„die Bilder“ nicht ohne Einfluss auf die Bildende
Kunst geblieben. Im Jahre 1928 übernahm
der russische Maler Wassily Kandinsky den
Auftrag für das Anhaltinische Theater Dessau,
Mussorgskis Bilder einer Ausstellung in „bewegte
Bilder“ umzusetzen.
Im Gedenken an den Künstler und Architekten
Viktor A. Hartmann veranstaltete 1874 der St.
Petersburger Architektenverein eine Hartmann-
Gedenkausstellung in den Sälen der Akademie
der Künste. Auf diese Ausstellung lässt sich die
Konzeption des Mussorgskischen Werkes zurückführen,
was dann auch in der endgültigen Betitelung
des Zyklus seinen Niederschlag gefunden
hat.
Ein Vergleich der Bilder einer Ausstellung mit
ihren Vorbildern selbst lässt die Denkweise des
Komponisten deutlicher erfassen. Schon die Auswahl
des Materials ist aufschlussreich genug. Mussorgski
entschied sich nämlich für eine Sammlung
von Zeichnungen und Aquarellen, die Hartmann
von seinen Auslandsreisen mitgebracht hatte.
Es waren Skizzen aus dem Leben verschiedener
Länder und Völker, Porträts zufälliger Passanten,
Landschaftsbilder mit Baudenkmälern und
Trümmern und ähnliches. Für Mussorgski, dessen
Streben ständig dahin ging, das Leben, „wo immer
es sich offenbart“, in Tönen wiederzugeben, war
diese Bildersammlung ein rechter Ausgangspunkt
zur Gestaltung eines umfassenden Panoramas der
Wirklichkeit. Bezeichnenderweise war ihm aber
der Themenkreis, den diese Kollektion umfasste,
noch nicht weit genug: Er fügte auch noch manche
Hartmannschen Arbeiten anderer Gattungen
hinzu (Entwürfe zu einem Christbaumschmuck
[Der Gnom]) und zu einer Stutzuhr
(Die Hütte der Baba Jaga), Skizzen für Bühnenkostüme
(Tanz der Küken in ihren Eierschalen) usw. Zur
Realität gesellte sich Fantastik, insbesondere aus
dem Bereich des russischen Volksmärchens, wie sie
die Hexe Baba Jaga repräsentiert. Hinzu kam der
wiederum von Hartmann stammende architektonische
Entwurf zu einem Stadttor für die Stadt
Kiew. So entstand eine bunte Galerie von Vorlagen.
Der Komposition liegt eine Art Suiten-Prinzip
zugrunde, nur dass die Tänze der klassischen
Suite durch „Bilder“ ersetzt wurden. Um die
Vielfältigkeit des Lebens zu zeigen, hat Mussorgski
zu schroffen, unvermittelten Kontrasten und
einschneidenden Änderungen gegriffen. In einem
losen Aufeinander hat er Freud und Leid, Humor
und Tragik sowie Reflexionen über Leben und
Tod zusammengeführt. Seine Absicht lag darin,
eine Folge von Nationalcharakteren zu prägen,
wobei er dem russischen Nationalcharakter eine
führende Rolle zuwies. Dabei verschoben sich für
ihn die Kategorien von Raum und Zeit: Neben
zeitgenössischen Gestalten machen sich Bilder aus
ferner Vergangenheit sichtbar – aus dem Mittelalter
und aus dem altrussischen Kiewer Fürstentum.
Für die Klaviermusik des 19. Jahrhunderts
waren die Bilder einer Ausstellung mit ihrer
tiefgreifenden Erneuerung der musikalischen
Ausdrucksmittel ein Sprung in ein neues, zu
jener Zeit noch völlig unerforschtes Gebiet. Beginnend
mit der das ganze Werk wie ein roter
Faden durchziehenden „Promenaden-Melodie“,
welche ans russische Bauernlied anknüpft und
– wie es in der russischen Volksmusik üblich ist
– mit einem Vorsänger beginnt und einen Chor
antworten lässt („redender Gesang“), spannt
sich ein großer Bogen bis zum Finale, einer
Idee, den Ruhm des russischen Volkes mittels
eines Bildes aus dem Leben des alten Kiew zu
lobpreisen. In der Bewältigung des Epischen,
des Erhabenen ist der Komponist hier seinem
Zeitgenossen Borodin nahegekommen und als
ein wahrhafter Nachfolger Glinkas aufgetreten.
Das Werk schließt mit einer „Sinfonie“ von
Glockenläuten und mit einer mächtigen Rekapitulation
des Anfangsthemas ab.
Dietz-Rüdiger Moser
Literatur:
Unter Benutzung und Fortführung einer Erläuterung
von Dr. Emilia Fried zu Mussorgskis »Bildern einer
Ausstellung«, Moskau (Verlag Musik) 1982.
Die „Toteninsel“
in Malerei und Musik
Die Toteninsel lautet der Titel eines berühmt
gewordenen Gemäldes von Arnold
Böcklin, das der Schweizer Maler in den Jahren
zwischen 1880 und 1886 nicht weniger als fünfmal
gestaltet hat. In ihm verbinden sich eigene
Landschaftseindrücke des Künstlers, vielleicht
aus der Gegend um Dubrovnik, mit Jenseitsvorstellungen
der Antike, besonders mit dem Glauben
an den Fährmann Charon, der die Toten in
seinem Fährboot über den Hades bringt.
Gattungsmäßig gehört das Bild zu den Landschaftsgemälden:
„Aus dem Dunkel des kaum

bewegten Meeres ragen steile, magisch leuchtende
Felsen in den finsteren Nachthimmel. Sie sind in
Untersicht gegeben und fassen eine dichte Gruppe
von Zypressen ein. Die eigentümliche Insel, fernab
jeglicher Zivilisation, beherrscht das Bild und gliedert
es symmetrisch. Rechts und links ist der Horizont
des Meeres erkennbar, was den Eindruck der
Verlassenheit betont. Spuren menschlicher Arbeit
verraten die Hafeneinfahrt, die in den Fels gehauenen
Grabkammern, die terrassenförmigen Befestigungen
sowie das helle, mit dem Gestein geradezu
verwachsene Mauerwerk links. Ein Kahn mit
einem quer gelagerten Sarg, einer mumienartig in
weiße Tücher gehüllten, statuenhaft wirkenden
Rückenfigur und einem Fährmann gleitet langsam
über das Wasser. Die Vorstellung vom leisen
Geräusch der ins ruhige Wasser getauchten Ruder
macht zugleich die Stille wahrnehmbar“ (Franz
Zelger), die Böcklin eigenem Bekunden nach
in diesem Bild ausgedrückt sehen wollte. Auf
diesem Bild ist ein weihevoller und würdiger
Abschied vom Leben inszeniert.
Das Thema wurde mehrfach in der Musik
aufgegriffen. 1898 schrieb der schwedische Dirigent,
Komponist und Musikorganisator Johan
Andreas Hallén eine Symphonische Dichtung
Die Toteninsel; im Jahr darauf, 1909, folgte eine
entsprechende Komposition Sergei Rachmaninows
(Ostrow mertwich), und schließlich widmeten
sich Max Reger (Romantische Suite – vier
Tondichtungen nach Arnold Böcklin, Nr. 3, Die
Toteninsel), der Lisztianer Heinrich Schulz-Beuthen
(Die Toteninsel) und der Brahms-Freund
Felix Woyrsch (1860–1944) mit Drei Böcklin-
Fantasien für großes Orchester op. 53 demselben
Gegenstand.
Was Sergei Rachmaninow betrifft, war dieser
dem Gemälde Böcklins 1907 auf einer Ausstellung
in Paris (nach anderen: nur auf einem
schwarz-weißen Foto) begegnet. Seine sinfonische
Dichtung Die Toteninsel, welche er 1909
in Dresden fertigstellte und die de facto eine
Fortführung von Wagners Vorspiel zu Tristan
und Isolde darstellt (die „Suche nach der unendlichen
Melodie“), beginnt mit der Vorstellung
der Ruderschläge Charons bei Überquerung der
Wasser des Styx, für die Rachmaninow eine bei
ihm auch sonst auftauchende Figur im 5/8-Takt
benutzt, nicht nur zur Kennzeichnung der Bewegungen
des Wassers, sondern auch als Zitat
aus dem »Dies Irae« der Totenmesse. Dann deutet
er das Schweben zwischen Leben und Tod,
also den fließenden Übergang in die jenseitige
Existenz an. Man hat dem Werk einen eher resignativen
und elegischen als den für die Gattung
typischen dramatischen Fatalismus und eine
gewisse Lautheit zugeschrieben, mit der sich
Rachmaninow von den Intentionen Böcklins
entferne.
Dietz-Rüdiger Moser
Literatur:
Franz Zelger, „Die Toteninsel“. In: Arnold Böcklin.
Katalog zur Ausstellung der Öffentlichen Kunstsammlung
Basel, des Musée d’Orsay Paris und der Neuen
Pinakothek München, Heidelberg 2001
Rolf Andree: „Arnold Böcklin, die Gemälde“. Basel/
München 1977, 2. Auflage
„Petruschka “
Igor Strawinski, einer der vielseitigsten und
einflussreichsten Komponisten des zwanzigsten
Jahrhunderts, erlangte seinen ersten internationalen
Ruhm mit drei Balletten, die er zwischen
1910 und 1913 für Diaghilews kurz vorher
in Paris gegründetes Ballets Russes schrieb: Der
Feuervogel, Le Sacre du Printemps und, im Jahre
1911, Petruschka. Die Uraufführung des Ballettes
in einem Akt (vier Bilder) fand am 13. Juni

1911 unter dem Titel »Petrouchka« in Paris statt.
Ursprünglich geplant als ein Konzertstück für
Klavier und Orchester, erfuhr dieses Werk im
Jahre 1947 eine Umarbeitung, die den geforderten
Orchesterapparat verkleinerte und heute
meist gespielt wird.
Im russischen Puppentheater ist Petruschka
eine groteske, dem Kasperle oder Pulcinella
vergleichbare Figur, häufig aus Stroh und einem
kleinen Sack Sägemehl als Körper, mit langer
Nase, roter Kleidung und einem Kolpak, einer
spitzen Husarenmütze.
Die Handlung des Balletts spielt in St. Petersburg
während der Maslenitsa, der Butterwoche
– sieben Tagen voll ausgelassenen, karnevalesken
Treibens vor dem Beginn der orthodoxen
Fastenzeit, an denen die Menschen zwar kein
Fleisch mehr, aber immerhin noch Milch verzehren
dürfen. Auf dem Fest tritt ein Magier auf
und zeigt drei Puppen – eine Ballerina, einen
Mohren und eben Petruschka –, denen er vor
den Augen der staunenden Menschen durch
Zaubermusik aus seiner Flöte Leben einhaucht.
Die drei vollführen auf sein Geheiß einen wilden
Tanz (Danse russe) – aber mit dem Leben
sind auch menschliche Leidenschaften in ihnen
erwacht, und das Drama nimmt seinen Lauf.
Petruschka, unglücklich über sein
Puppendasein, liebt die Ballerina, die jedoch nur Augen
hat für den starken, etwas einfältigen Mohren.
In eine einträchtige, doch ein wenig schwerfällige
Tanzszene der beiden im Zimmer des Mohren
platzt Petruschka hinein und greift, voller
Eifersucht, den ihm weit überlegenen Rivalen
an. Es kommt, wie es kommen muss: Verfolgt
vom Mohren, muss Petruschka fliehen, so
schnell ihn die Beine tragen.
Wieder zurück auf dem Fest (La semaine
grasse). Allerlei buntes Volk tritt auf: Händler,
Schausteller, ein Bauer präsentiert einen Bären,
Kutscher und eine Amme tanzen. Plötzlich tauchen
Petruschka und der Mohr auf, in wilder
Verfolgungsjagd: es kommt zum Duell, und der
Mohr erschlägt Petruschka. Der Magier versucht
die aufgebrachte Menge zu beruhigen – schließlich
seien es doch nur Puppen, unter denen sich
das Drama abgespielt habe! Doch abends, als er
die unbrauchbar gewordene Puppe wegräumen
möchte, erscheint ihm noch einmal drohend
Petruschkas Geist.
lfm / Dietz-Rüdiger Moser
Die Cavaill é-Col-Mutin-
Orgel
Diese Orgel stammt aus einer 1995 entweihten
und zur Lagerhalle umgebauten
Kirche in der Stadt Tourcoing (Nordfrankreich).
Sie ist somit das größte Instrument der
Firma Cavaillé-Coll-Mutin auf deutschem
Boden. Zwei weitere, ursprünglich für andere
Orte gebaute Orgeln stehen im Dom zu
Osnabrück und in St. Bernhard zu Mainz.
Aristide Cavaillé-Coll (1811–1899) gilt weltweit
als einer der bedeutendsten Orgelbauer. Er
überführte die klassische französische Bauweise,
deren Grundprinzipien er bewahrte, in einen
expressiven Instrumententyp, dem die orchestral-
symphonische Orgelmusik in Frankreich seit
der Mitte des 19. Jahrhunderts (César Franck,
Charles-Marie Widor, Louis Vierne) entspricht.
Die typisierte Disposition der Cavaillé-Coll-Orgeln
beeinflusst den internationalen Orgelbau,
insbesondere bei großen Konzertinstrumenten,
bis heute.
Zu den Erfindungen oder Weiterentwicklungen
Cavaillé-Colls im Orgelbau zählen unterschiedliche
Winddrücke innerhalb eines Registers,
die überblasende Flöte (Flûte harmonique,
Flûte octaviante) und der Einführungstritt
(Appel).
Die meisten seiner großen Instrumente in
den Kathedralen Frankreichs sind erhalten und
stehen unter Denkmalschutz.
Charles Mutin (1861–1931) war Cavaillé-
Colls Werksmeister und Compagnon. Er führte
die Firma bis zu ihrer Auflösung 1931 ganz im
Sinne ihres Gründers weiter.
Die (neue) Chororgel der Kieler St. Nikolaikirche
ist ein repräsentatives Beispiel für die Orgelbaukunst
Frankreichs im 19. Jahrhundert. Sie
besitzt einen vollständig erhaltenen, mechanischen,
„seitenspieligen“ Spielschrank. Außerdem
ist sie zusätzlich mit dem Spieltisch der Hauptorgel
elektrisch verbunden. Dadurch können
beide Orgeln gleichzeitig gespielt werden. Die
Vorrichtungen der elektrischen Doppeltraktur
sind im denkmalpflegerischen Sinn eingebaut.
Sie können mit wenigen Handgriffen wieder
entfernt werden.
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