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Irma Issakadze, 1976 in Tiflis, Georgien, geboren,
stammt aus einer bedeutenden Musikerfamilie.
Bereits mit neun Jahren debütierte sie mit Beethovens
erstem Klavierkonzert in einem Konzert mit dem
Georgischen Staatsorchester. Mit 14 Jahren wurde
sie in die Klasse von Ludwig Hoffmann an der
Musikhochschule München aufgenommen. Ihr
Konzertexamen absolvierte sie bei Vladimir Krainev
an der Musikhochschule Hannover.
Ihre Konzerttätigkeit führt Irma Issakadze nach
Spanien, Italien, Deutschland, Georgien, Frankreich,
in die Schweiz und in die USA. Der NDR übertrug
ein Konzert mit der Radiophilharmonie Hannover
des NDR unter Eiji Oue.
Mit ihrer Einspielung der Goldberg-Variationen
präsentiert sich die junge Pianistin als Musikerin
mit zwingender musikalischer Persönlichkeit in einer
Interpretation, die auf der Basis des Wissens um die großen Leistungen der Interpretationsgeschichte
dieses zentralen Werks einen eigenen Weg zwischen
großer Pianistentradition und zeitgemäßer Rezeption
des Notentextes findet.
Die Aufnahme, in „echtem“ DSD aufgenommen,
gemischt und gemastert, ohne Konvertierung
aus dem PCM-Format, wurde in den renommierten
mediaHYPERIUM
Studios, Kalifornien, produziert
und präsentiert auch aufnahmetechnisch den Stand
des gegenwärtig Machbaren.
Das Sein im Spiegel des Kreises
Irma Issakadze spricht mit Marco Frei
über die Goldberg-Variationen von
Johann Sebastian Bach
Von Bachs Goldberg-Variationen liegen bereits
gewichtige Aufnahmen vor. Wie geht
man als Interpretin damit um, Frau Issakadze?
Werke suche ich persönlich nach dem ersten
Impuls aus. Wenn ich einen besonderen Zugang
verspüre, habe ich bereits viele eigene
Vorstellungen. Wenn ich dann Aufnahmen
von anderen Interpreten höre, beeinflusst
mich das nicht so sehr. Man hat bereits eine
ausgeprägte Vorstellung von einem Werk. Es
ist zwar interessant, einen anderen Aspekt zu
sehen; wenn man aber einen eigenen Zugang
hat, kann einen nichts erschüttern. Man hat
genügend innere Kraft für den eigenen Weg.
Gewichtige Aufnahmen der Goldberg-Variationen
gibt es von Glenn Gould.
Natürlich haben mich Goulds Einspielungen
inspiriert. Er ist auf jeden Fall ein Pianist, den
ich zutiefst verehre. Goulds Interpretationen
prägen und beeinflussen sehr, ich habe mich
aber irgendwann von Gould gelöst und seine
Aufnahmen nicht mehr so oft angehört.
Mein Interpretationsweg, den ich beschritten
habe, ist ein ganz anderer.
Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Ich denke, dass es mit der Persönlichkeit
zusammenhängt. Er war ein völlig anderer
Mensch. Seine Geschichte hat mit mir wenig
zu tun, was natürlich eine Rolle spielt. Wenn
man die Einspielungen vergleicht, ist es eine
ganz andere Art geworden – finde ich.
Das finde ich auch. Mir fällt vor allem Ihre
recht freie Agogik innerhalb einzelner Variationen
auf.
Meine Art des Spiels würde ich als eine Art
Improvisation bezeichnen, was die von Ihnen
beschriebene Agogik erklärt. Bachs
Goldberg-Variationen sind für mich wie ein
Organismus. Die Atmung ändert sich, auch
wir Menschen reagieren auf verschiedene Art
und Weise. Ich möchte dieser Atmung, dem
inneren Fluss folgen. Wenn mich dann eine
konkrete Stelle hineinzieht, entsteht diese
agogische Freiheit.
Was ist Ihr Zugang zu den Goldberg-Variationen?
Ich habe eine sehr innige Beziehung zu dem
Werk. Ein Ausdruck, der mir einfällt, ist „ein
Herz und eine Seele.“ Wie man über einen
Menschen sprechen würde, der einem sehr nahe
steht. So geht es mir mit den Goldberg-Variationen.
Seit über zehn Jahren beschäftige ich mich
intensiv mit ihnen; als ich damit anfing, war ich
achtzehn Jahre alt. Sie sind eine unerschöpfliche
Quelle für mich. Sie eröffnen einem immer
neue Perspektiven und neue Ideen.
Welche wären?
Mich erinnern die Goldberg-Variationen an das
„principium grande“ des deutschen Frühaufklärers
Gottfried Wilhelm Leibniz: „Nichts ist
ohne Grund.“ Daraus resultiert eine ungeheure
Wirkung, die von dem Werk ausgeht. Am Anfang
ist eine selbstverständliche, einfache Klarheit,
und schon entwickelt sich etwas, das uns
hineinzieht in Überlegungen, uns fesselt und
uns emotional auch aufwühlt. Es gibt keine
Emotion, keine menschliche Eigenschaft, die
nicht in dem Werk ist – ob Freude, Euphorie,
Trauer, Schmerz, Kraft oder Strenge. Und doch
geht von dem Werk stets eine innere Ruhe aus,
es vermittelt inneren Frieden.
Wie drückt sich das aus?
Es entsteht eine Art Ewigkeit, als gäbe es
überhaupt kein Ende. Meiner Meinung nach
gibt es in den Variationen kein Streben nach
einem Ziel, was auch mit der Form des Kreises
zu tun hat.
Sie meinen die Rückkehr der Aria des Anfangs
am Ende des Werks?
Ja, genau. Ein Kreislauf, ein Zyklus – auch
des Lebens. Das ist entscheidend in der
Natur und in unserem Leben, der Kreislauf
spielt eine sehr große Rolle. Die Wanderung
von der Aria zur Aria symbolisiert so gesehen
auch unser Leben. Es ist keine eigentliche
Rückkehr, denn der Punkt, an den wir zurückkehren,
hat eine andere Bedeutung als
noch am Anfang. Man hat sich verändert,
und der Weg, den man gegangen ist, prägt einen.
All dies symbolisiert für mich fast schon
das Sein an sich.
Das ist auch eine durchaus religiöse Sicht,
oder?
Ich bin ein sehr religiöser Mensch, und natürlich
ist das Religiöse bei Bach nichts Überraschendes
– das ist sehr präsent. Ich begründe
dies auf jeden Fall mit der besonderen
Präsenz von Religion und Gott. Als gläubiger
Mensch könnte man aus Leibniz’ Ausspruch
„Nichts ist ohne Grund“ auch „Nichts ist ohne
Gott“ machen. Ich meine, dass viele Meisterwerke
diesen so gemeinten Kreislauf und dieses
Urthema in sich haben – nicht nur in der
Musik, sondern auch in anderen Künsten.
Seit wann beschäftigen Sie sich mit Bach?
Mit Bach habe ich mich schon beschäftigt,
als ich sechs oder sieben Jahre alt war. Ich
habe mit dem Wohltemperierten Klavier angefangen.
Damals hat mir mein Vater die
Noten weggenommen, weil er der Meinung
war, dass es noch zu früh sei (lacht). Aber
dann mit dreizehn oder vierzehn, nach dem
Umzug meiner Familie von Georgien nach
Deutschland, habe ich mich wieder intensiv
mit Bach beschäftigt.
Warum gerade dann?
Ich habe mich damals von vielen Einflüssen
gelöst, auch künstlerisch. Ich komme ja aus
einer bekannten georgischen Musikerfamilie.
Was mir sehr geholfen hat, war der Umzug
nach Deutschland. Die Familie war einfach
sehr beschäftigt mit alltäglichen Dingen. Der
Umzug war eine ziemliche Umstellung, wie
Sie sich vorstellen können. In Deutschland
habe ich erstmals selbstständig studiert, zuvor
hatten mich oft auch meine Eltern unterrichtet.
War es für Sie belastend, einer bekannten
Musikerfamilie zu entstammen?
Es kann sehr schwierig sein. Man braucht
auf jeden Fall eine starke, individuelle künstlerische
Persönlichkeit, um sich durchzusetzen.
In Deutschland stand ich quasi alleine
im guten Sinne, was mir sehr viel gebracht
hat. Dann kam ich zu Ludwig Hoffmann,
der mir viel zu Bachs Stilistik erklärte. Später
habe ich mich geweigert, mich zu sehr
von meiner Familie beeinflussen zu lassen.
Natürlich waren die familiären Einflüsse
gut, positiv und auch sehr wichtig, aber das
Moment des Lösens ist wahnsinnig wichtig;
dass man eben seinen eigenen Weg findet.
Ich glaube, dass mir das gelungen ist – und
dies vor allem mit Hilfe der Arbeit an Bach.
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