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Simone Youngs Hamburger Bruckner-Projekt wurde
von der Fachpresse mit großem Interesse und durchweg
positivem Echo bedacht. Nach den Sinfonien
Nr. 2 und 3 steht nun die dritte Folge der Edition
zur Veröffentlichung an, wieder als Live-Mitschnitt
aus der Hamburger Laeiszhalle. Prinzip der Aufführungsserie
ist es, jeweils die erste Fassung des Werks
zu Gehör zu bringen. Damit gewinnt diese klanglich
herausragende SACD-Edition auch ein dokumentarische
Bedeutung.
Radikalität in Ausdruck und Form
Bemerkungen zu Anton Bruckners Erstfassung
der IV. Symphonie in Es-Dur von 1874
Mit der 1874 geschriebenen Es-Dur-Symphonie
erreicht Bruckners Schaffensperiode
zwischen 1872 und 1875 ihren Höhepunkt
und beschert der Musikgeschichte eine
seiner populärsten Symphonien. Zugleich aber
erreicht in weiterer Folge auch der Umarbeitungs-
und Verbesserungswahn des Meisters
seinen Höhepunkt. Ist schon die Sachlage bei
der III. Symphonie schwer durchschaubar, sind
wir in Schallplattenkatalogen und Internetforen
bezüglich der IV. Symphonie mit bis zu zehn
verschiedene Angaben über Versionen konfrontiert,
und es ist vielleicht sinnvoll, sich zuerst
einmal einen Überblick zu verschaffen.
Die dieser Aufnahme zugrunde liegende
Fassung ist wohl unbestritten die eindeutigste
und klarste, die existiert: Es ist die 1874 verfasste
Original- oder Urversion, die erst über 100
Jahre später zum ersten Mal aufgeführt werden
sollte.
Des Weiteren existiert die Fassung von
1878, von der wir heute vor allem die ersten
drei Sätze kennen, insbesondere das berühmte
„Jagdscherzo“, das vielleicht der populärste Satz
einer Brucknersymphonie ist. Das Finale dieser
Version allerdings, das von Bruckner selbst so
bezeichnete „Volksfest“, wird heute als getrennter
Satz in der Bruckner-Gesamtausgabe veröffentlicht.
Die ersten drei Sätze von 1878 werden
seit der Uraufführung 1881 mit dem 1880
geschaffenen Finale gespielt, daher ist das, was
gewöhnlich als die IV. Symphonie von Bruckner
bezeichnet wird, die Fassung von 1878/80.
Diese liegt auch der von Robert Haas begründeten
Bruckner-Gesamtausgabe von vor dem
2. Weltkrieg zugrunde, der sie allerdings als Version
1881 veröffentlichte, genau so wie die später
von Leopold Nowak veröffentlichte Version,
die wiederum mit der Bezeichnung von 1886
erschien. Bei Haas bezog sich die Jahreszahl auf
die Uraufführung, bei Novak auf die nach seinem
damaligen Wissensstand letzte eigenhändige
Revision des Komponisten.
Seit wenigen Jahren existiert nun in der
Bruckner-Gesamtausgabe eine weitere Version
von 1888, die von Benjamin M. Korstvedt vorgelegt
wurde. Sie ist die nun tatsächlich letzte
Revision Bruckners und Stichvorlage für den
ersten Druck von 1889. Sowohl Robert Haas als
auch Leopold Nowak lehnten diese Version ab,
da sie ihnen eine von Bruckner nicht gewollte,
lediglich von seinen Schülern Löwe und Schalk
hergestellte Version schien. Nach dem heutigen
Wissensstand der Bruckner-Forschung lässt
sich diese Behauptung aber nicht mehr halten.
Die unmittelbare und intensive Beschäftigung
Bruckners ist hinlänglich belegt, und wir müssen
im Falle der IV. Symphonie tatsächlich von
drei Versionen sprechen, plus (ähnlich wie in
der III. Symphonie) einem alleinstehenden Satz
(eben jenem „Volksfestfinale“ von 1878).
Wie in keiner anderen Symphonie Bruckners
hat der Komponist innerhalb des Werkes nicht
nur eine Weiterentwicklung der Form und Veränderungen
der Instrumentation vorgenommen,
sondern ganze Teile völlig neu komponiert, zum
Teil ohne thematischen Zusammenhang mit der
ersten Version. Wir müssen daher im Falle der IV.
in einem noch viel größeren Ausmaß als bei der
II. und III. Symphonie zumindest bei den beiden
Versionen von 1874 und der heute bekannten
Version von 1878/80 von zwei völlig unabhängig
voneinander existierenden Werken sprechen, die
nebeneinander aufgeführt zu werden ihre volle
Berechtigung haben.
Obwohl die Bruckner-Forschung in den
letzten Jahrzehnten immer wieder diese These
vertreten hat, allen voran Leopold Nowak und
Manfred Wagner (dem an dieser Stelle ausdrücklich
für die Überlassung seiner Arbeiten zu
Bruckner gedankt sein soll) haben sich die Interpreten
nur sehr zögerlich entschlossen, sich den
Erstversionen zuzuwenden. Umso erstaunlicher
ist die Entwicklung der letzten Jahre, in denen
sich prominente Musiker der mittleren und
jüngeren Dirigentengeneration ganz vehement –
und zum Teil ausschließlich – für die Erstversionen
der Bruckner-Symphonien einsetzen, und so
nicht nur den Zugang zu einem völlig neuen Bild
des oberösterreichischen Meisters erschlossen,
sondern auch eine deutliche Bewegung in die
Bruckner-Interpretation an sich gebracht haben.
Die Kenntnis der Erstversionen der ersten vier
Symphonien von Bruckner lässt nämlich nicht
mehr ohne weiteres eine unkritische Übernahme
der bisherigen Bruckner-Interpretationen zu.
Wer einmal die spannende Reise unternommen
hat, die Partituren der Erstversionen der II., III.
und IV. Symphonie hintereinander zu studieren,
dem wird sich, wenn er sich danach die Partitur
der V. vornimmt (die unmittelbar im Anschluss
an die IV. entstanden ist), nicht nur eine klare gedankliche
Linie von der II. bis zur V. erschließen,
sondern es wird auch eindeutig klar, dass das,
was Bruckner wirklich sagen wollte, ausschließlich
in den Partituren seiner Urversionen zu
finden ist. Dies gilt ohne Einschränkung später
auch für die VIII. Symphonie. Diese Erkenntnis
lässt allerdings die Interpretationsansätze nicht
unberührt, da vieles, was sich im ursprünglichen
Bruckner-Bild darstellt und später unter dem
Eindruck der teilweise vernichtenden Reaktionen
und übereifrigen Ratschläge von Freunden
und Jüngern zurückgenommen und relativiert
wurde, nicht mehr verleugnen lässt. Wer einmal
erfahren hat, wie radikal unmittelbar, frei und
überbordend Bruckner schreiben konnte, wird
mit den Interpretationen, die allzu sehr einem
Hochamt ähneln und den dramatischen Atem,
die Leidenschaft wenig zur Geltung kommen
lassen, möglicherweise Schwierigkeiten haben.
Natürlich gewann Bruckner im Laufe seines
Lebens kompositorischen Feinschliff, technische
Meisterschaft und eine Verfeinerung in der
Instrumentationskunst. Trotzdem muss jede
spätere Version, was die Kernaussage des Werkes
und vor allem die Milderung der Radikalität
in Ausdruck und Form betrifft, als Kompromiss
gelten.
Einen Widerspruch zu dieser Aussage provoziert
man aber immer wieder anhand der hier
besprochenen IV. Symphonie in Es-Dur. Gemeinsam
mit der VII. Symphonie ist sie in der
Fassung 1878/80 Bruckners populärstes Werk
und enthält – wie schon erwähnt – mit dem
„Jagdscherzo“ sein überhaupt bekanntestes und
populärstes Instrumentalstück. Dem entgegen
stehen das völlig zerklüftete, riesenhafte Scherzo
und die bedeutend ausführlicheren und vor
allem komplexeren Ecksätze in der Erstfassung.
Diese stellen nicht nur an den Hörer, sondern
besonders auch an die Orchestermusiker deutlich
höhere Anforderungen als die bekanntere
und populärere spätere Version.
Wir wollen uns – ohne die an dieser Stelle
nicht mögliche ausführliche Analyse vorzunehmen
– in der Folge einen kurzen Überblick über
Bruckners IV. Symphonie in ihrer Urfassung verschaffen,
der ersten Symphonie übrigens in seinem
Schaffen, die in einer Dur-Tonart gehalten
ist.
Aber noch bevor man zum eigentlichen
Werk kommt, stößt man – als einziger
Brucknersymphonie
– auf einen Beinamen,
den der Komponist ihr selbst verliehen hat: die
„Romantische“. Nun muss man, bevor man
sich mit dem Werk genauer auseinandersetzt,
fragen: Was verstand Bruckner
unter „roman
tisch“? Constantin Floros hat in seiner Bruckner-
Monographie zu Recht darauf hingewiesen,
dass Bruckners musikalisches Romantikbild im
Wesentlichen durch das geprägt war, was er in
Richard Wagners Lohengrin erlebte. Aus Bruckners
Äußerungen über die Wagnerschen Musikdramen
kann man sehr wohl eine gewisse Naivität
heraus lesen, vor allem aber begreift man,
warum Bruckner zeit seines Lebens nie wirklich
die Idee, eine Oper zu schreiben, ins Auge fasste.
So sehr er Wagner auch bewunderte, waren
für ihn neben der Tonsprache nur jeweils ganz
spezifische Extrakte des Werkes interessant. Das
politische Element bei Wagner war ihm völlig
fremd. Hingegen war für ihn das, was er an musikalischer
Stimmung aus dem Lohengrin wahrnahm,
der Inbegriff von Romantik. In einer der
wenigen programmatischen Erläuterungen zu
seiner IV. Symphonie skizzierte Bruckner einem
Freund gegenüber den ersten Satz: „Mittelalterliche
Stadt – Morgendämmerung – von den
Stadttürmen ertönen Morgenweckrufe – die Tore
öffnen sich – auf stolzen Rossen sprengen die Ritter
hinaus ins Freie – der Zauber des Waldes umfängt
sie – Waldesrauschen – Vogelgesang“. Wie bei
allen Komponisten von Beethoven bis Mahler
muss man solche programmatischen Äußerungen
mit äußerster Vorsicht genießen, und
Bruckner
lag natürlich ebenso wenig wie Beethoven
in seiner VI. oder Mahler in seiner III.
nichts ferner, als ein romantisches Naturgemälde
mit musikalischen Mitteln zu gestalten. Und
doch muss man sich in Erinnerung rufen, dass
die musikalische Inspiration, bevor sie durch
Form und Verarbeitung ihre wirkliche Gestalt
erhält, nur einer Inspiration entspringen kann,
die mit dem realen Leben bzw. dem Empfinden
und der Sicht der Welt bzw. deren Verständnis
durch den Komponisten zu tun hat.
Der erste Satz dieser „romantischen“ Symphonie
ist in seiner Urfassung mit Allegro überschrieben
und in Alla breve gehalten (in der
späteren Bearbeitung erfolgt – wie so oft bei
Bruckner – in seinen Bearbeitungen auch eine
Zurücknahme des Tempos. 1878/80 heißt es
dann: bewegt, nicht so schnell; in der Fassung
von 1888 lesen wir dann gar: ruhig, bewegt (nur
nicht schnell – allegro molto moderato), und
dem fügt Bruckner noch die Metronom-Zahl
hinzu: die Halbe = 72).
Über das für Bruckner charakteristische
Streicher-Tremolo legt sich, vom Solo-Horn im
Piano vorgetragen, eine Hornkantilene, die eigentlich
schon den Grundcharakter der gesamten
Symphonie darstellt und gleichzeitig den
entscheidenden thematischen Ausgangspunkt
bildet. Dieses im Horn vorgetragene Hauptthema
vereinigt drei wesentliche Elemente in
sich: erstens die Wahl des ausführenden Instruments,
zweitens die melodische Linie und drittens
das rhythmische Element mit jeweils einer
16tel vor der ganzen Note am Schluss der Phrase,
was in geradezu unglaublichem Maße den
Grundrhythmus der gesamten Symphonie mitbestimmt.
Dieses erste Thema bildet gemeinsam
mit einem zweiten, absteigenden Thema in
den Posaunen sozusagen eine erste Episode. Die
zweite Episode führt dann bei Buchstabe B (alle
Buchstaben und Takte in der Folge beziehen sich
auf die Partitur der A. Bruckner Gesamtausgabe
Band IV./1 Hg. v. L. Nowak 1975, rev. 1990) jenes
für Bruckner-Symphonien typische echte zweite
Thema ein, das fast immer lyrischen Charakter
hat und in der IV. Symphonie in den ersten Violinen
beginnt. Beginnend im Takt 83 hören wir
dann noch ein neues Thema in den Streichern,
das mit dem zweiten Thema der ersten Episode
verwandt ist. Gleichzeitig legt Bruckner erneut
die Hornrufe
darüber. Ab C findet diese
Entwicklung der Exposition eine erste Zusammenfassung,
quasi in einer „Minicoda“, einem
System, das Bruckner in dieser Symphonie besonders
ausgeprägt anwendet. Die Schichtungen
und Beziehungen beginnen bereits am Anfang
des Werkes so komplex und vielschichtig,
dass Bruckner gliedern möchte, Klarheit schaffen.
Darum schiebt er Zwischenzusammenfassungen
ein. Von D bis F führt dann die weitere
Entwicklung zum endgültigen Ende der Exposition,
und nach einer Brücke, die das Tempo
zusehends verlangsamt, beginnt zwei Takte vor
Buchstabe H die Durchführung.
Wie schon in der Erstfassung der II. und
III. Symphonie prägen zahlreiche Tempomodifikationen
sowie Pausen das Gesamtbild des Satzes
entscheidend. Später wird der Komponist diese
Pausen bis auf eine fast vollständig eliminieren,
wie auch das Tempo fast völlig durchgängig
wird. Im Gegensatz zur II. und III. Symphonie
sind diese gliedernden Pausen nicht mehr in der
Mehrzahl Fermaten, sondern ausgeschriebene
Leertakte. Ohne die Komplexität des Satzes hier
vollständig durchleuchten zu können, soll noch
auf einige Besonderheiten hingewiesen werden,
wie z.B. die bei N plötzlich auftretenden Sextolen
oder bei P, wo mit der Reprise zugleich neues
thematisches Material eingeführt wird. In der
Folge spitzt Bruckner (bei Q) die dynamische
Entwicklung extrem zu, bevor dann bei R nach
einer der vielen gliedernden Pausen die Reprise
der zweiten Episode einsetzt. Eine eigene Studie
wäre Bruckners Modulationen zu widmen: Nach
zahlreichen „Reisen“ durch die Tonarten gelangt
er schließlich vier Takte vor Buchstabe W wieder
zum angestammten Es-Dur, und wenn man will,
könnte man bereits ab W die einsetzende Entwicklung
einer Vor- bzw. ersten Coda ansetzen,
bevor dann mit Buchstabe X nach einer Generalpause
die tatsächliche und die für den enormen
Satz für Bruckner charakteristisch äußerst kurzen
Coda den Satz zu Ende führt.
Der zweite Satz, ein Trauermarsch in c-
Moll, beginnt mit einem Pizzicato der höheren
Streicher, während das erste Thema ab Takt 3
legato in den Celli vorgetragen wird, das wiederum
eindeutig auf dem Hornthema des ersten
Satzes basiert. Vier Takte vor Buchstabe
A tritt im ppp das Horn dazu, allerdings nur
mehr in rhythmischer Funktion. Wie schon in
den Erstfassungen der Vorgängersymphonien
überschreibt Bruckner den zweiten Satz mit der
verhältnismäßig schnellen Tempobezeichnung
Andante quasi Allegretto (in der letzten Fassung
von 1888 heißt es dann nur mehr Andante mit
einem Metronom Viertel = 66). Typisch für die
Erstfassungen ist auch, dass nach der Exposition
plötzlich ein Adagio-Teil eingeschoben
wird (Buchstabe C), der dann bei D nach einer
Generalpause wieder ins Grundtempo zurückkehrt.
Hier tritt dann, von den Bratschen intoniert,
das zweite Thema ein. Diese Tempobrücke
wiederholt Bruckner später noch einmal bei
Buchstabe H. (In der zweiten Version 1878/80
hingegen läuft das Grundtempo mit Ausnahme
einer Tempoverlangsamung kurz vor Schluss,
praktisch durch. Hingegen zeigt die Ausgabe
von 1888 wieder eine große Anzahl von genau
bezeichneten Tempoveränderungen). Auch der
zweite Satz wird auf der Grundlage der Sonatenform
aufgebaut. Man könnte ihn genauer in
eine Struktur A1-A2-B-C gliedern, gleichzeitig
meint man aber auch, eine Rondoform ausmachen
zu können.
Dem Scherzo wollen wir uns etwas genauer
zuwenden, da die Bruckner-Forschung diesen
bis dato besonders stiefmütterlich behandelt hat
und man kaum mehr Aussagen darüber findet,
als dass er auf dem ersten Hornmotiv der Symphonie
basiert und später durch das populäre
„Jagdscherzo“ ersetzt wurde.
Gerade dieser ursprüngliche dritte Satz wird
sehr oft als Argument gegen die Urfassung verwendet,
was sich einerseits sehr leicht durch
die Popularität der späteren Version aber auch
durch die Bequemlichkeit unserer Hörgewohnheiten
erklären lässt. Beim ersten Hören macht
dieser Satz einen zerklüfteten, unruhigen Eindruck,
erscheint seltsam ungleichförmig und
schwer erfassbar. In Wahrheit ist er natürlich
wie jeder Symphoniesatz Bruckners nach einem
strengen architektonischen Prinzip entworfen
und wird bei eingehenderem Studium besonders
faszinierend.
Im Prinzip ist das Scherzo ganz einfach nach
der klassischen ABA-Form angelegt. Der Satz
beginnt mit einem Hornruf, der mit einem
Ansturm aus dem Orchester beantwortet wird,
der sich aber sogleich wieder legt. Der Hornruf
ertönt noch einmal. Daraufhin erhebt sich
der Sturm aus dem Orchester erneut, allerdings
viel ausführlicher, und verwendet Material, das
Rückbezug auf den ersten Satz nimmt (siehe
dort die zweiten Violinen bei R). Dieser A-Teil
des Scherzos beinhaltet in sich eine eigene kleine
Coda (ab D des dritten Satzes). Der B-Teil (der
dann bei E einsetzt) beginnt erneut mit dem
Hornruf. Die erste Antwort wird gegenüber der
Exposition noch verknappt, während auf den
zweiten Hornruf die Antwort aus dem Orchester
mit neuem Material verlängert wird, das später
auch im Trio Verwendung findet. Dieser BTeil
endet bei Takt 23 1, danach folgt erneut der
A-Teil. Die Unregelmäßigkeit der Antworten
des Orchesters auf die sechs Hornrufe, die beim
ersten Hören einen unausgeglichenen Eindruck
machen, bewirken bei genauerem Studium allerdings
auch die Faszination dieses Scherzos.
Im Trio ist der typische Bruckner-Rhythmus
3:2 weiter extrem ausgeprägt. Bruckner führt hier
leichte Pizzicatofiguren in den tiefen Streichern
gegen offene Quarten und Quinten in Duolen
und bildet so eine totale Gegenlinie.
Man erkennt
hier einmal mehr das, was für Bruckners
Zeitgenossen, ja selbst seiner engsten Umgebung
als zu gewagt und zu extrem erschien.
Das zweite Thema dieses Trios ist eigentlich
kein solches. Die Pizzicato-Figur wird lediglich
umgedreht und gegen die Legatolinie geführt.
Man bekommt das Gefühl eines neuen Themas,
ohne dass wirklich neues Material verwendet
wird. Einen besonderen Hinweis verdient die
Entwicklung wenige Takte vor Buchstabe B des
Trios, wo die melodische Entwicklung in den
Violinen auf einen Halbton reduziert wird, die
dann in den Takten 79 und 80 von den Flöten
und Klarinetten als kleine Terz im Pianissimo
beantwortet wird, womit der Satz seinen Tiefpunkt
erreicht. Ab Buchstabe C des Trios beginnt
die Coda, wobei Bruckner hier erstmals
das Thema in die Celli und Bässe legt. Im pp
und ppp schleicht sich das Horn unmerklich
ein, womit der Übergang zur Wiederholung
des Scherzos vorbereitet wird. Nach dieser tritt
dann völlig ohne Übergang schockartig die
Coda des Satzes ein, die eine Weiterentwicklung
des Rhythmus des Hornrufs zur Grundlage hat.
Die 2:3-Stellung wird immer extremer vorangetrieben
und der Effekt noch verstärkt, indem 14
Takte vor Ende des Satzes sich die Tonart unvermittelt
in E-Dur manifestiert.
Der Finalsatz hat nach dem Scherzo im Laufe
der Zeit die tiefgreifendsten Umarbeitungen
erfahren. Gleich bleibt allen drei Fassungen die
Basis des thematischen Materials von sechs Themen,
allerdings weichen die Versionen in der
Verwendung weit von einander ab.
Das Staccato der Bässe leitet den Satz ein.
Darauf folgt eine der erstaunlichsten und für viele
auch verstörendsten Eingebungen Bruckners:
Aufeinander zulaufende Achtel-Terzen der Geigen
vermitteln sogleich einen chromatischen
Charakter. Der Aufbau dieses Satzes ist in seiner
ursprünglichen Gestalt von wahrhaft majestätischen
Ausmaßen (616 Takte in der Erstfassung
gegenüber 477 in der zweiten und 514 in der dritten
Version). Allein die Einleitung besteht aus
drei großen an- und abschwellenden Wellen, in
deren mittlere (bei Buchstabe A) das erste Thema
eingebettet ist.
Bereits bei Takt 11 tritt das Hornthema des
ersten Satzes wieder auf: diesmal zuerst in der
Oboe, dann erst im Horn, und bei A folgt dann
(wie eben erwähnt) das erste eigentliche Thema
des vierten Satzes.
Bei C dann folgt das zweite Thema mit seinen
Quintolen, eines der wesentlichen Charakteristika
der Urfassung. Diese beiden Themen
werden nun bis F entwickelt, wo die Exposition
ihren Höhepunkt findet. Fünf Takte danach beginnt
dann die zweite Episode.
Die zweite Episode lässt sich wiederum in
drei Abschnitten einteilen. Vom Komponisten
durch Pausen deutlich gegliedert, reicht sie bis
J, wo die Exposition dann erst ihr eigentliches
Ende findet.
Ab hier beginnt nun, nicht minder großzügig
angelegt, die Durchführung. Auch sie ist
wiederum dreiteilig gegliedert. In den späteren
Fassungen wird Bruckner auch hier die für die
Urfassung so charakteristischen Quintolen zu
Gunsten von Viertel- und Achtelnoten bzw.
Sextolen vereinfachen.
Die Reprise tritt nun bei Buchstabe R ein,
zuerst mit der ersten Themengruppe, aber nicht
mit dem eigentlichen Thema. Ab T folgt dann
das zweiten Thema.
Die Coda schließlich setzt bei Y ein, die sich
erneut in „Wellen“ ausbreitet. Die rhythmische
Vielfalt und zugleich die motivische Verflechtung
ist hier von einzigartiger Dichte. Gleichzeitig
nimmt die Dynamik ständig zu und die
Quintolen erfassen nach und nach das ganze
Orchester, bis sie drei Takte vor Schluss bei den
Bläsern angekommen sind.
Mit dieser knappen Übersicht soll lediglich
auf den ungeheuren Reichtum dieser Erstfassung
hingewiesen werden. Eine erschöpfende
Analyse kann und soll sie selbstverständlich
nicht ersetzen.
Wichtig ist, dass Bruckners spätere Veränderungen,
so überzeugend sie auch im Detail
gelungen sein mögen, Kompromisse sind im
Vergleich zum Gedankenreichtum der rhythmischen
und harmonischen Vielfalt und der
Radikalität der ersten Fassung. Hier begegnen
wir der faszinierenden, ursprünglichen, echten
Sprache Bruckners.
Die hier vorliegende Aufnahme ist, wie
schon bei der II. und III. Symphonie, der Livemitschnitt
eines Abonnementkonzerts der Philharmoniker
Hamburg unter ihrer Chefdirigentin
Simone Young aus der Laeiszhalle Hamburg
vom Dezember 2007.
Michael Lewin
Diese Arbeit verdankt folgenden Publikationen
Grundlagen und wertvolle Hinweise:
L. Novak: Über A. Bruckner. Die drei Final-Sätze zur
IV. Symphonie; M. Wagner: Der Wandel des Konzepts:
Zu den verschiedenen Fassungen von Bruckners Dritter,
Vierter und Achter Symphonie; Die Symphonien von Anton
Bruckner (Hg. R. Ulm): Rüdiger Heinze: IV. Symphonie
sowie Gespräche mit Simone Young. ML
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