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Piano Music by Icelandic Composers: Þorkell Sigurbjoernsson
Johann G. Johannson · Atli Ingolfsson · Haukur Tómasson
Atli Heimir Sveinsson · Victor Urbancic · Arni Egilsson
Jorunn Viðar · Hafliði Hallgrimsson · Páll Isolfsson
Sveinbjoern Sveinbjoernsson · Jón Leifs · Björk / Leon Milo
Susanne Kessel, piano
Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich auf Island eine
eigene Szene zeitgenössischer klassischer Musik etabliert.
Isländische Komponisten gingen ins europäische
Ausland oder in die USA, um dort in unmittelbarem
Kontakt zur musikalischen Avantgarde zu studieren.
Erstaunlich viele kehrten anschließend wieder in ihre
Heimat zurück und entwickelten einen Stil, der traditionelle
und auch folkloristische isländische Musik
mit den Formen westlicher neuer Kunstmusik verbindet.
Die deutsche Pianistin Susanne Kessel legt nach
intensiver Beschäftigung mit der isländischen Musik
und vielen Reisen auf die Insel der Gletscher, Geysire
und Moosfelder nun einen Querschnitt durch die
Klaviermusik isländischer Provenienz vor, der seinen
Abschluss im Arrangement eines Songs von Islands
derzeit populärster Musikerin – Björk – findet.
Neue Musik aus Island
Isländischsein hat mit Landschaft zu tun. In
meinem Fall eher mit dem Duft der Landschaft,
dem Duft der Heide. Und dem Klang
der Landschaft: Ein goldener Regenpfeifer,
der von weither zwitschert. Verbinden Sie
das Obige mit dem Duft eines Teppichs,
während man vor einem großen Telefunken-
Radiogerät sitzt, und Sie haben einen Extrakt
meiner Kindheit. Ich hörte „Sjómannalög“
– Seemannslieder – und Isländische Lieder
im national-romantischen Stil, ähnlich den
Werken der Pioniere isländischer Komposition.
Und dann näherte sich der Horizont,
ebenfalls im Radio: Es wurde Zeitgenössische
Musik aus dem Ausland gesendet. Ich erinnere
mich an wahre Erleuchtungen, während
ich im Dunkeln lauschte.
Atli Ingólfsson
Susanne Kessel
über dieses Album
Als ich 2005 zum ersten Mal nach Island
reiste, um auf Einladung des Goethe-
Zentrums Reykjavík einen klassischen
Klavierabend
zu spielen und für den deutschen
Rundfunk einige Interviews mit isländischen
Musikern zu führen, informierte
ich mich im Vorfeld über Land und Leute,
Kultur und Sehenswertes. Ich hatte zur großen
Überraschung des isländischen Konzertpublikums
eigens ein paar isländische Klavierwerke
als Zugabe einstudiert. Ich kannte
einige Komponistennamen und natürlich
eine Reihe wunderbarer Songs der international
bekannten isländischen Pop-Sänger und
Bands. Mir war bewusst, dass Island eine sehr
individuelle, expressive Musikkultur besitzt.
Aber „klassische Musik“ aus Island kannte
ich eigentlich kaum.

Umso überraschter war ich, als ich beim
Besuch der Musik-Bibliothek des Music Information
Center Islands meterlange Regale
mit Partituren hochinteressanter isländischer
Klavierwerke vorfand. Eine solche Fülle hatte
ich nicht erwartet!
Die klassische Musikgeschichte Islands
ist recht jung. Innerhalb der relativ kurzen
Zeitspanne von ca. 100 Jahren seit Beginn
des 20. Jahrhunderts entwickelte sie sich in
schillernden Facetten unter Einbeziehung
fast aller klassischen Epochen wie in einem
Zeitraffer. Die Musik, die heute in Island
komponiert wird, orientiert sich an internationalen
Strömungen Neuer Musik ebenso
wie an alter isländischer Musiktradition und
ergibt ein charmantes Mosaik verschiedenster
Genres, die alle nebeneinander bestehen.
Ich sprach mit klassischen Komponisten
(Atli Heimir Sveinsson, Þorkell Sigurbjörnsson,
Árni Egilsson, Atli Ingólfsson und
Haukur Tómasson), mit dem Direktor der
Musikschule Reykjavík (Stefan Edelstein),
mit dem Chorleiter der Universität (Hákon
Leifsson) und mit dem Keyboarder, Pianisten
und Komponisten der Pop-Gruppe Sigur
Rós (Kjartan Sveinsson).
Diese Musiker gewährten mir Einblick in
die einzigartige Geschichte der isländischen
Musik, erzählten mir viel Persönliches und
führten mir immer wieder vor Augen, wie untrennbar
die Isländer einerseits mit ihrer Heimat
verbunden sind und wie brennend andererseits

die Sehnsucht nach internationalem Austausch
ist. Das große Interesse an allem Neuem, die
Offenheit Fremdem und Ungewöhnlichem gegenüber
ist aus meiner Sicht ein typisch isländischer
Wesenszug. Ohne diese Fähigkeit wäre
die rasante kulturelle Entwicklung Islands auf
ein mittlerweile international mit Interesse beachtetes
Niveau innerhalb der letzten 100 Jahre
nicht möglich gewesen.
Islands Musikgeschichte gleicht einer
Schatzkammer. Aufgrund der isolierten geographischen
Lage im Nordmeer blieben einzelne
musikalische Formen über viele Jahrhunderte
lebendig erhalten. Auch die isländische Sprache
ist seit der „landnám“ im 9. Jahrhundert (der
Landnahme Islands durch norwegische Wikinger)
nahezu unverändert geblieben.
Nicht weniger bemerkenswert ist auch das
moderne Musikleben Islands. Island besitzt
für seine derzeit rund 300.000 Einwohner
das dichteste Musikschulnetz der Welt. Unter
Mithilfe immigrierter europäischer Musiker
wurde während des Zweiten Weltkrieges ein
hervorragendes Musikschulsystem aufgebaut,
das heute Kindern und Jugendlichen eine
musikalische Ausbildung auf hohem Niveau
bietet. Auch ein qualifiziertes Musikstudium
ist in Island möglich, allerdings studieren
junge Musiker darüber hinaus meist an einer
Musikhochschule in Europa oder USA. Viele
isländische Musiker und Komponisten kehren
nach dem Auslandsstudium in die Heimat
zurück und bringen ihre Erfahrungen in

die isländische Musikszene ein, die dadurch
innerhalb weniger Jahrzehnte internationales
Niveau erreicht hat.
Die erste Generation junger Komponisten,
die nach der Unabhängigkeitserklärung
Islands 1944 aufwuchs, studierte Ende der
50er Jahre und während der 60er Jahre u.a.
in den internationalen Zentren Neuer Musik,
um so schnell wie möglich aus der Insel-
Isolation herauszutreten und die neuesten
Strömungen der Musik des 20. Jahrhunderts
mitzuerleben. Diese beiden Aspekte – „uralte“
Musiktradition und „zeitgenössische
Neue Musik“ – ergeben ein einzigartiges
Spannungsfeld zwischen Alter und Neuer
Zeit, das in vielen Kompositionen immer
wieder zu entdecken ist.
Die wilde Natur Islands, die Geysire, Wasserfälle,
das raue Klima und die atemberaubend
schöne Landschaft sind darüber hinaus eine
Inspirationsquelle, die sich täglich und
unerbittlich in Erinnerung bringt und deren Faszination
sich kein Künstler entziehen kann.
2007 spielte ich wieder in Island, diesmal
innerhalb des Festivals „Dark Music Days“.
Hier entstand die Idee, eine CD mit isländischer
Klaviermusik aus über 100 Jahren verschiedener
Stilrichtungen der klassischen Musik
Islands zu veröffentlichen. Mein Vorhaben fand
auch bei den isländischen Komponisten großen
Anklang. Da fast alle klassischen Komponisten
für Klavier komponieren, ist dieses Instrument
geradezu prädestiniert, einen Überblick über
die Literatur eines Landes zu ermöglichen. Ich
wurde in meiner Arbeit von vielen isländischen
Musikern sowie dem MIC Iceland tatkräftig
unterstützt und ich bedanke mich sehr herzlich
für die Zusammenarbeit und die gemeinsamen
Proben in Island. Dem Kulturamt der Stadt
Bonn sowie der icelandair danke ich für Förderung
und Sponsoring. Dank an Peter Gebhard:
Der bekannte Fotograf und Journalist stellte für
dieses Booklet seine wundervollen Island-Fotos
zur Verfügung. Die Komponisten Atli Heimir
Sveinsson, Árni Egilsson und Leon Milo schrieben
eigens für mein CD-Programm „Iceland“
neue Klavierwerke. Ihnen danke ich besonders
herzlich!
Die Komponisten
Þorkell Sigurbjörnsson (*1938) ist eine der
prägenden Persönlichkeiten des öffentlichen
Musiklebens in Island. Er studierte als
Pianist und Komponist zunächst in Island
und später in den USA bei R.G. Harris, K.
Gaburo und L.A. Hiller sowie innerhalb der
Darmstädter Ferienkurse. Er lehrte Theorie

und Komposition am Reykjavík College of
Music und ist Organisator verschiedener
Musikfestivals in Island und Redakteur und
Sprecher für Sendungen mit Zeitgenössischer
Musik beim Isländischen Rundfunk. Beim
Festival Junger Künstler in Bayreuth im Jahr
2004 wurde seine Oper Grettir uraufgeführt.
Þorkell Sigurbjörnsson widmete die
Hans-Variationen einem befreundeten
Pianisten namens Hans Pálsson. Die Harmonik
altisländischer Volksmusik geht eine
gelungene Verbindung ein mit dem Gestus
eines virtuosen Klaviersatzes. Schroffe, karge
Harmonik isländischer Musik, die durch das
Thema vorgegeben wird, trägt ein modernes
pianistisches Gewand aus berauschenden
Klangfarben und unbändiger Spielfreude.
Jóhann G. Jóhannsson ist einer der bestgehüteten
Geheimtipps des Landes. Er wird
nicht nur von namhaften isländischen Komponisten
verehrt, sondern auch von international
bekannten Künstlern wie Daniel Agust
von Gus Gus und Emiliana Torrini. Über die
Jahre hatte er zahlreiche Nummer-Eins-Hits
im Radio, die fraglos auch islandische Künstler
von Björk bis Sigur Rós beeinflusst haben.
1988 erhielt er die isländische Goldene Schallplatte
für seinen Song Help Them oder Hjálpum
þeim, den er mit einem Chor der führenden
heimischen Künstler als Beitrag Islands
zum Live Aid-Hilfsprojekt einspielte.
Die verträumte Pop-Ballade Ég er að
tala um þig zeigt beispielhaft die ausgezeichnete
Qualität isländischer Pop-Musik. Eine
schlichte, aber eindringliche Melodie wurde
hier selbstverständlich und mit sicherem Geschmack
harmonisiert.
Atli Ingólfsson (*1962) studierte Klassische
Gitarre, Theorie, Komposition und
Philosophie in Island. Nach der Veröffentlichung
eines Gedichtbandes setzte er seine
Ausbildung fort: zunächst am Konservatorium
in Mailand bei Davide Anzaghi, dann
1988 bei Franco Donatoni an der Accademie
Chigiana in Siena und in Paris bei Gérard
Grisey, dessen Assistent er war. Die Kompositionen
von Atli Ingólfsson werden auf vielen
namhaften Festivals aufgeführt.
Das sentimental-romantische, hochvirtuose
…ma la melodia ist ein eher untypisches
Werk des jungen Komponisten. Der
romantische Stil in …ma la melodia ist eine
bewusste künstlerische Entscheidung. Die
Buchstaben des isländischen Wortes für
„Hahn“ ergeben, in Töne verwandelt, eine
seufzende Melodie. Solche gelegentlich nicht
ganz ernst gemeinten, bis auf die Spitze getriebenen
Experimente gehören zur kreativen
Arbeit eines ernsthaften Komponisten zuweilen
dazu.
Haukur Tómasson (*1960) erhielt 2004
den Nordic Council Musikpreis, die
höchste Auszeichnung, die an islandische
Komponisten verliehen wird. Seine Musik
ist funkelnd und lebendig, geprägt von intensiver
Rhythmik, hellen, bunten Klangfarben
und einem guten Ohr für neuartige,
eindrucksvolle Instrumentenkombinationen.
Tómassons früheste Kompositionen benutzen
die Zahlen der Fibonacci-Reihe zur
Strukturierung der Tonlängen, Intervalle
und formalen Proportionsverhältnisse (Octette,
Eco del passato). Seine späteren Werke
(Spiral, Strati, Offspring) sind Beispiele für
seine „Spiral-Technik“, das Chaconne-artige
Weiterentwickeln von unterlegten Akkordfortschreitungen.
In den späten 1990ern begann
Tómasson, Motive aus der islandischen
Volksmusik als Basis für seine Kompositionen
zu verwenden (Rhym, Long Shadow).
Im Klavierstück Brotnir Hljómar werden
Akkorde ständiger Veränderung unterzogen.
Das abstrakte Gebilde „Akkord“ wird in alle
möglichen Richtungen zerlegt, rhythmisiert
und durchläuft unterschiedlichste Stimmungen
und Zustände. Obwohl es sich gar nicht
um Programmmusik handelt, entwickelt
Haukur Tómasson mit seiner pulsierenden
Harmonik einer Klangsprache, die an weite
isländische Landschaften, eisige Gletscher
und schroffe Lavawüsten denken lässt.
Atli Heimir Sveinsson (*1938) gilt als
wichtigster Repräsentant der gegenwärtigen
isländischen Musikkultur. Er studierte
1959 an der Musikhochschule Köln
bei Günter Raphael (Komposition), Rudolf
Petzold (Instrumentation), Bernd Alois Zimmermann
(Komposition) und Hans-Otto
Schmid-Neuhaus (Klavier). Daneben studierte
er bei Karlheinz Stockhausen innerhalb
der Kölner Kurse für Neue Musik und
bei Gottfried Michael König in Bilthoven.
Atli Heimir Sveinsson kehrte nach dem
Musikstudium nach Island zurück und war
fortan maßgeblich daran beteiligt, die Neue
Musik Europas in Island bekannt zu machen.
Atli Heimir Sveinsson ist auf dieser CD
mit drei ganz unterschiedlichen Werken vertreten.
Oþur Steinsins heißt eine Sammlung
aus 30 kurzen Klavierstücken in ganz unterschiedlichem
Charakter. Oþur Steinsins Nr. IV
erinnert in seinem bezaubernden belcanto-
Stil ein wenig an den Anfang des 2. Satzes
von Ravels Klavierkonzert G-Dur. Af hreinu
hjarta ist Atli Heimir Sveinssons Vertonung
eines Gedichtes von Attila Józef. Ein langsamer
Walzer in wohlig-schwelgender Manier.
Das kurze Stück Albumblatt mit seinen hämmernden,
aus dem Metrum geratenden und
nervös strauchelnden Repetitionen ist ein Einzelstück,
das Atli Heimir Sveinsson eigens für
Susanne Kessel komponierte.
Victor Urbancic (1903–1958) wuchs in
Wien als Sohn einer berühmten Arztfamilie
auf. Er studierte Klavier, Orgel und
Komposition und wirkte unter anderem als
Kapellmeister am damals von Max Reinhardt
gerade neugeordneten Theater an der Josefstadt.
Die rasant angelaufene Karriere, die
auch von vielen erfolgreichen Konzerten als
Pianist, Begleiter und Dirigent geprägt war,
fand 1933 mit der Machtergreifung Hitlers in
Deutschland ein jähes Ende. Urbancic war
mittlerweile stellvertretender Direktor des
Grazer Konservatoriums, als er 1938 gezwungen
wurde, mit seiner Familie Österreich zu
verlassen, weil er mit einer Jüdin verheiratet
war. Er erhielt einen Unterrichtsauftrag aus
Island, er unterrichtete Theoriefächer, Klavier,
Komposition und Musikgeschichte und
war ehrenamtlich als Organist und Chorleiter
der kleinen katholischen Gemeinde
in Reykjavík tätig. Zu seinen Schülern und
Studenten zählt praktisch eine ganze Generation
von isländischen Komponisten, die ab
den späten dreißiger bis in die fünfziger Jahre
mit dem Kompositionsstudium begann und
teilweise bis in die Gegenwart wirkt.
Das Duett Brüderlein komm tanz mit mir
aus der Oper Hänsel und Gretel von Engelbert
Humperdinck ist Thema des Variationszyklus
Caprices Mignons über ein Kinderlied.
Mit viel Liebe zum Detail und differenzierten
Anschlags-Anweisungen führt jede Variation
in immer brillanteres Klavier-Passagenwerk.
Jórunn Viðar (*1918) studierte Klavier in
Reykjavík und setzte ihr Studium anschließend
an der Hochschule für Musik in Berlin
fort. 1943–45 studierte sie Komposition bei V.
Giannini an der Juilliard School in New York
und 1959–60 nochmals Klavier in Wien.
Jórunn Viðar ist eine in Island sehr gefragte
Klavierlehrerin, Pianistin und Komponistin.
Besonders herausragend sind ihre Liedkompositionen,
die im isländischen Konzertleben
einen festen Platz einnehmen.
Jórunn Viðars vier Meditationen über
isländische Volksthemen werden in Island
häufig gespielt. Zwei dieser Meditationen
sind auf dieser CD zu hören. Beide basieren
auf altisländischen Volksmusik-Motiven. Meditation
Nr. 1 ist ein Variationswerk, das ein
wenig im Stile Béla Bartóks komponiert ist,
Meditation Nr. 4 schließt in dieser Aufnahme
nahtlos an die erste an. Wie eine romantische
Klavieretüde
begleitet die rechte Hand in Arpeggien
die Melodie der linken Hand.
Hafliði Hallgrímsson wurde 1941 in der
kleinen Stadt Akureyri im Norden
Islands geboren. Im Alter von zehn Jahren
begann er, Cello zu spielen und studierte in
Reykjavík sowie an der Accademia Santa Cecilia
in Rom. Nach seiner Rückkehr aus Rom
setzte er seine Studien bei Derek Simpson
an der Royal Academy of Music in London
fort. Im daruaffolgenden Jahr begann er, bei
Dr Alan Bush und Sir Peter Maxwell Davies
Komposition zu studieren. Nach dem Ende
seines Studiums blieb er in Großbritannien,
wo er schließlich in Schottland Erster Cellist
des Scottish Chamber Orchestra wurde. Trotz
seiner großen Erfolge als Musiker wurde sein
Wunsch immer stärker, sich als Komponist
zu betätigen. So verließ er 1983 das Scottish
Chamber Orchestra, um sich zukünftig nur
noch dieser Tätigkeit zuzuwenden. Im Jahre
1986 wurde er mit dem renommierten Nordic
Council Preis ausgezeichnet.
Hafliði Hallgrimssons Lullaby on a
Winters’ Night versetzt den Zuhörer mit
wunderschöner Melodik, romantischem
Tonsatz
und programmatischer Tonmalerei
in eine kalte isländische Nacht. Die klar
gesetzten Oktaven der Melodie wirken kühl
und eisig, die zart getupften Pianissimo-Skalen
im zweiten Teil des Werkes erinnern an
zarte Schneeflocken oder auch an die langen
hellen Spuren der Nordlichter am nächtlichen
Winterhimmel.
Páll Ísólfsson wurde 1893 in Stokkseyri, einem
armen Fischerdorf an der Südküste
Islands geboren. Im Herbst 1913 reiste er nach
Leipzig und nahm dort sein Orgelstudium
bei Max Reger und Karl Straubinger, dem
berühmten Organisten und Chorleiter von
St. Thomas, auf. Dort wurde er in die Orgelkunst
von Bach und Reger eingeführt und
wurde bald selbst ein Organist erster Güte.
Später führten ihn weitere Studien zu Joseph
Bonnet nach Paris. Als er 1921 nach Island
zurückkehrte, war damit zu rechnen, dass
dies das Ende seiner internationalen Karrierechancen
war. Stattdessen widmete er nun
seine Energien und seine außergewöhnlichen
musikalischen Kenntnisse dem Aufbau einer
neuen Musikszene im erst kürzlich selbständig
gewordenen Island.
Páll Isólfsson komponierte im Stil der
großen Romantiker wie Robert Schumann,
Johannes Brahms, Frédéric Chopin oder
Max Reger. Nicht zuletzt an der Wahl seiner
Werktitel wird dies deutlich: „Albumblatt“,
Humoresque“, „Romanze“, „Ballade“. Sein
Impromptu in d-Moll verwendet Zitate aus
Johannes Brahms’ 1. Klavierkonzert.
Sveinbjörn Sveinbjörnsson (1847–1927)
war der erste professionell ausgebildete
Pianist und Komponist Islands. Er studierte
zunächst Theologie und später Komposition
in Kopenhagen und in Leipzig bei Carl
Reinecke. Im 19. Jahrhundert waren die
musikalischen Möglichkeiten in Island noch
sehr eingeschränkt, und so wurde England
seine neue Heimat. Sveinbjörn Sveinbjörnsson
komponierte eine große Zahl romantischer
Lieder und poetische Kammermusik;
er schrieb die Isländische Nationalhymne
Lofsöngur. 1922 kehrte er nach Island zurück,
wo ihm das isländische Parlament (Althing)
ein lebenslanges Gehalt bewilligte.
Vikivaki ist ein isländischer Tanz aus dem
frühen 17. Jahrhundert. Er war über lange Zeit
modern, wurde auf ausschweifenden Tanzfesten,
die bis zu 14 Tage dauern konnten, getanzt,
wurde aber im 18. Jahrhundert von der
Kirche mit einem Tanzbann belegt. Viele zeitgenössische
isländische Komponisten zitieren
Vikivaki-Rhythmen in ihren Werken. In der
Version von Sveinbjörn Sveinbjörnsson erklingt
der Tanz im klassischen Klaviersatz und
gibt einen Eindruck von rauschenden Festen
auf isländischen Bauernhöfen.
Árni Egilsson (*1939) hat sich sein internationales
Ansehen als Kontrabass-Solist
erworben. Sir John Barbirolli holte ihn in die
USA, um im Houston Symphony Orchestra
zu spielen. Als vielseitiger Instrumentalist ist
er sowohl in der Klasssik wie auch im Jazz zuhause.
So hat er auch sowohl ein klassisches
Solo-Album mit Vladimir Ashkenazy aufgenommen,
als auch ein Jazz-Album mit Ray
Brown. Egilson genießt hohes Ansehen als
einer der führenden Session-Musiker in den
Orchestern der Aufnahmestudios von Los
Angeles, wo er als erster Kontrabass für viele
der großen Hollywood-Komponisten auftritt.
Árni Egilsson war Professor für Kontrabass an
der California State University, Northridge. In
den letzten Jahren erlangte er auch Bekanntheit
als Komponist von Werken für Kontrabass,
Kammerensemble und großes Orchester
sowie für Solo-Vokalwerke und Chormusik.
Das Klavierstück Borealis beschreibt
klangmalerisch
eine klare isländische Winternacht
mit einer der schönsten polaren Naturereignisse:
dem Nordlicht. Das Klavierstück Borealis
widmete Árni Egilsson Susanne Kessel.
Jón Leifs (1899–1968) gehört zu den bemerkenswertesten
und international anerkannten
isländischen Komponisten des
20. Jahrhunderts. Für seine Werke verwendete
er Elemente der Volksmusik Islands. In
seinem Bemühen, eine musikalische Sprache
zu erschaffen, die das kulturelle Erbe Islands
reflektiert, fand Leifs Material in den traditionellen
Volksliedern, den „Rímur“ und
den mittelalterlichen liturgischen Balladen,
den „Tvisöngur“. Jón Leifs folgte 1916 zwei
Landsleuten an die Musikhochschule Leipzig.
Er war mit der jüdischen Pianistin Annie
Riethof verheiratet und lebte in Wernigerode
und zeitweise in Baden-Baden, bis ihm und
seiner Familie 1944 die Ausreise nach Island
erlaubt wurde. Seine Lebensgeschichte wird
in dem isländischen Film „Tár úr steini“ (Tränen
aus Stein) aus dem Jahr 1996 erzählt.
Rímnadanslög sind Tanzstücke, die auf
der altisländischen, in Sprechgesang vorgetragenen
Reimweisen-Tradition Rímur basieren.
Charakteristisch für diese Kunstform
sind die häufigen Taktwechsel, die dadurch
zustande kommen, dass nicht jede Zeile eines
Gedichts die gleiche Anzahl an Silben
hat. Die Musik richtet sich exakt nach der
Silbenzahl der jeweiligen Gedichtzeile und
bricht am Ende der Zeile einfach ab, um mit
der nächste Zeile fortzufahren.
Björk Guðmundsdóttir (*1965), Islands
wohl bekannteste Musikerin überhaupt,
begann
ihre Laufbahn mit einer klassischen
Musikausbildung. Sie erhielt ihren ersten
Musikunterricht im Alter von fünf Jahren
und wurde in Gesang, Klavier und Flöte ausgebildet.
Ihr erstes Soloalbum veröffentlichte
sie im Alter von elf Jahren. Björk war Mitglied
verschiedener Bands, u.a. der „Sugarcubes“,
die international Erfolge feierten. Nach
deren Auflösung startete sie 1993 mit dem Solo-
Album „Debut“ ihre Solokarriere. Sie erhielt
in den Folgejahren 13 Grammy-Awards,
einen Oscar und zwei Golden Globes,
einen
davon als Schauspielerin in Lars von Triers
Film „Dancer In The Dark“.
Björks Songs gehören zu den faszinierendsten
der internationalen Pop-Branche.
Es gibt leider keine Klavierbearbeitungen
ihrer Songs, und es hat auch keinen Sinn,
lediglich die Gesangsstimme mit ein paar
Akkorden zu begleiten, denn Björks Musik
lebt, außer durch den Klang ihrer Stimme,
vor allem durch die elektronische Effekte.
Der amerikanische Komponist Leon
Milo, ein Spezialist für elektronische Musik,
schrieb eine Transkription des Songs
I Miss You für Klavier und Elektronik. Die
Live-Klavier-Ebene korrespondiert mit einer
zweiten Klavier-Ebene, die elektronisch aus
Live-Klavier-Aufnahmen hergestellt wurde
und die sich im Raum um das Live-Klavier
herum zu bewegen scheint. Die beiden Ebenen
sind Sinnbild des Songinhaltes: Ein
Mädchen vermisst schmerzlich den, den sie
liebt. Sie hat ihn jedoch bisher nicht kennen
gelernt.
Leon Milo (*1956), amerikanischer Komponist
und Perkussionist, kreiert Musik, in
der sich Instrumente, Elektronik, natürliche
und synthetische Klänge verbinden. Seine
Werke sind weltweit präsent und umfassen
instrumentale und elektroakustische Musik
für den Konzertsaal, für Tanz, Film, Fernsehen,
Radio, für Klanginstallationen im öffentlichen
Raum und für Museen. Nachdem
er sein Studium an der Juilliard School mit
dem Master of Music abgeschlossen hatte,
arbeitete er als Perkussionist und Paukist in
verschiedenen Orchestern in den USA, Israel
und Norwegen. Den Großteil seiner Kompositionsausbildung
erfuhr er unter Leonard
Stein, William Kraft und Luciano Berio.
Nachdem Leon Milo 1987 an das Sundance
Institute in Utah eingeladen worden war, um
dort an der Entwicklung von Filmmusikprojekten
mitzuwirken, schreibt er nun regelmäßig
Musik für das Europäische Fernsehen
und Kino. 1990 erhielt er ein Fulbright-
Stipendium für Kompositionsstudien in Paris.
Er begann, neue Techologien in in sein
Schaffen zu integrieren und wurde bald darauf
ausgewählt, an einem einjährigen Kurs
über Komposition und Computermusik
am IRCAM in Paris teilzunehmen. Kürzlich haben
Leon Milo und Susanne Kessel das Duo
„Pianowaves“ gegründet, das mit Werken für
Klavier, Elektronik und Perkussion auftritt.
Peter Gebhard, Profi-Fotograf und Buchautor,
zählt zu den renommiertesten
Vortragsreferenten
Deutschlands. Die Leica
Camera AG hat seine Dia-Reportagen mit
dem Prädikat „Leicavision“ ausgezeichnet.
Jenseits des Klischees erzählt er in Wort und
Bild Geschichten, bei denen man deutlich
die intensive Recherche und die Offenheit
gegenüber den bereisten Regionen und deren
Bewohnern spürt.
Neben seinen Live-Vorträgen hat Peter
Gebhard zahlreiche Bücher und Kalender
sowie Foto- und Textreportagen publiziert.
Magazin-Veröffentlichungen u.a. in GEO,
Stern und Merian.
Sein aktuelles und bislang umfangreichstes
Projekt panamericana erschien nach fünf
Jahren voll intensiver Reisen, Fotografie und
Recherche auf den Traumrouten Amerikas im
Herbst 2005 als Live-Multimedia-Reportage
sowie als großformatiger Bildband im Verlag
Frederking & Thaler. Das Projekt wurde in
führenden Medien vorgestellt und von GEO
als „Portfolio des Monats“ gewürdigt.
Im Jahr 2006 begann seine Kooperation
mit voxtours, dem populärsten deutschen
TV-Reisemagazin. Im Sommer 2007 reiste
Peter Gebhard mit einem Fernsehteam für
eine gemeinsame Voxtours-Reportage auf
den Spuren seines panamericana-Projektes
nach Südamerika.
Die vorliegenden Fotos entstanden in
den Jahren 2003 und 2004. Sie sind dem
Band Island – Insel aus Feuer und Eis, Verlag
Weltsichten, Saalfeld, entnommen.
Weitere Informationen unter:
www.peter-gebhard.de
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