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Live Recording of the Premiere at the Staatsoper Hamburg
Chor der Staatsoper Hamburg · Philharmoniker Hamburg
Simone Young, conductor
Falk Struckmann · Scott MacAllister · Susan Anthony
Inga Kalna · Pär Lindskog
Die erste Opern-Neuproduktion unter der Leitung von Simone Young als Intendantin der Staatsoper Hamburg und GMD des Philharmonischen Staatsorchesters wurde ein Triumph. Hindemiths Mathis der Maler erfordert auch von einem großen Opernhaus zur Realisation alle Ressourcen, umso seltener ist dieses zentrale Werk auf der Bühne zu erleben.
Auch im CD-Katalog ist diese bedeutende Hindemith-Oper eine Rarität, ganz im Gegensatz zu der Vielzahl von erhältlichen Einspielungen der „Mathis“-Sinfonie. OehmsClassics veröffentlicht nun eine neue Gesamteinspielung, den Mitschnitt der umjubelten Hamburger Premierenvorstellung vom 25. September 2005 mit Falk Struckmann in der Rolle des Mathis.
Paul Hindemith: Mathis der Maler
Paul Hindemith, im November1895 in Hanau geboren, war ein musikalisches Naturtalent.
Mit 14 Jahren war er bereits Student des Hoch’sche Konservatoriums in Frankfurt, unter anderem in den Kompositions-Klassen von Arnold Mendelssohn und Bernard Sekles. Mit 19 war er Erster Konzertmeister der Frankfurter
Oper, aber auch als Kammermusiker omnipräsent im deutschen Musikleben, nicht zuletzt als Bratschist des Amar-Quartetts. Von den Instrumenten des klassisch-romantischen Orchesters beherrschte er einen Großteil zumindest
auf gutem, manche auf außerordentlichem
Niveau. Als Geiger und Bratschist trat er häufig auch solistisch in Erscheinung, als Interpret seiner eigenen wie auch fremder Werke. Als Komponist etablierte er sich zunächst
auf den Festen zeitgenössischer Musik
in Donaueschingen und Baden-Baden als Bürgerschreck, der sein enormes handwerkliches
Können ganz in den Dienst der Sache des musikalischen Fortschritts stellte: Um das Publikum aus den Gewohnheiten des romantischen,
bürgerlichen Konzert- und Opernbetriebs
zu reißen, baute er Elemente der modernen
amerikanischen Unterhaltungsmusik in klassische europäische Formen ein, schockierte
mit der Verwendung ungewöhnlicher Instrumente – etwa Sirene und Sandbüchse. Vor allem aber provozierte Hindemith durch die Verwendung von Operntexten, die den frechen Geist des Unterhaltungslebens im Deutschland der Zwischenkriegszeit widerspiegeln
und gegen sämtliche Tabus verstießen.
Vom blasphemischen Nonnen-Stück Sancta Susanna reicht der Bogen bis hin zum Opernscherz namens Neues vom Tage, eines jener für die zwanziger Jahre typischen satirischen
Zeitstücke, in dessen Aufführung sich fataler Weise eines Tages ein Mann namens Adolf Hitler verirrte. Die Tatsache, dass in jenem
Stück eine – scheinbar – nackte Dame eine Arie in der Badewanne sitzend zu singen hat, verzieh der nachmalige „Führer des deutschen
Reichs“ dem Komponisten nie. Und das obwohl Hindemiths Schaffen von Anbeginn auch eine höchst ernsthafte, die große Tradition
der deutschen Musik fortführende Komponente
aufwies. Denn neben provokanten Werken des Bürgerschrecks Hindemith entstanden
parallel solide, handwerklich exzellent
gearbeitete Stücke vom Streichquartett bis zu Opern vom Zuschnitt der E.T.A. Hoffmann-
Vertonung Cardillac oder der Rilke-Liederzyklus
Das Marienleben. Diese Kompositionen
offenbaren den ernsthaften Meister, der gewillt war, die Herausforderung der großen europäischen Tradition aufzunehmen.
Im Zuge dieser schöpferischen Ausein-andersetzung mit großen Vorbildern, aber auch dank der stets praxisbezogenen, bald zur pädagogischen Aktivitäten führenden Geisteshaltung Hindemiths, klärte sich sein musikalischer Stil. Die rüden, unbehauenen Protest-Klänge des jugendlichen Feuergeistes
wichen einem spürbar traditionsbewussten,
zeitweilig bewusst klassizistischen Stil. Dieser schien späteren Generationen als konservative Kehrtwendung. Hindemith galt in den Augen der Generation Theodor W. Ador-nos nach 1945 als mindestens so suspekt wie der Romantiker Richard Strauss, der die Ideale der Avantgarde spätestens mit seinem Rosenkavalier verraten hatte.
Die Oper
Die Position des Muster-Werks einer neuen, gefestigt auf der Tradition basierenden Tonsprache
nimmt bei Hindemith die Oper Mathis der Maler ein, ein opus summum geistig-künstlerischer
Auseinandersetzung mit deutscher Kunst- und Geistesgeschichte, gleichzeitig die Parabel vom Künstler in der Zeit der Bedrängnis
– entstanden am Beginn jener nationalsozialistischen
Diktatur, deren Ideologie, oberflächlich
betrachtet, manches entgegenzukommen
scheint, was Hindemith an künstlerischen Grundsätzen formuliert. Tatsächlich war der Komponist zunächst keineswegs geneigt, nach der Machtübernahme der Hitler-Partei seinem Heimatland den Rücken zu kehren. Die Ablehnung
seiner künstlerischen Bestrebungen durch die Führunsgremien der NSDAP war auch keineswegs lückenlos. Manch einer im „neuen Deutschland“ sah durchaus Chancen, den ehemaligen Fortschrittskämpfer für die Sache
der „Spielmusik“-Bewegung zu gewinnen. Doch durch Hitlers Voreingenommenheit nach dem geschilderten „Opernerlebnis“ eindeutig präjudiziert, wurde der „Fall Hindemith“, wie ihn der große Dirigent Wilhelm Furtwängler in einem mutigen Zeitungsartikel nannte, abschlägig
beschieden. Der Mann war, das stand für die NS-Ideologen bald fest, ein „Kulturbolschewist“.
Auch wenn eine zur Vorauszensur gelieferte Grammophon-Einspielung der dreisätzigen
Symphonie Mathis der Maler, die Furtwängler
uraufführen sollte, „nichts Beanstandenswertes“
zu enthalten schien – wie das im Parteijargon damals so schön hieß.
Dass Hindemiths Künstler-Drama mit dem Rückzug des Helden aus allen politischen Aktivitäten endet – „du bist zum Bilden übermenschlich
begabt – geh hin und bilde“, heißt
es da – wäre der nationalsozialistischen Denkungsart
zwar vielleicht zupass gekommen. Im übrigen aber war die große Auseinandersetzung
mit Fragen von Obrigkeitsdenken und Gehorsam, Verweigerung und Anpassung zu vielschichtig und jedenfalls zu weit entfernt von jener volksnahen Unterhaltungs-Kultur, die man sich nach 1933 von offizieller Stelle für das „gesunde deutsche Opernleben“ erträumte.
Mathis der Maler und sein Schöpfer waren unerwünscht.
und resigniert wie sein Opern-Held. Sein letzter Vortrag – in einem längst wieder freien, aber von einer neuen, nur noch ästhetischen, doch unausweichlichen Ideologie beherrschten
Deutschland trug bezeichnenderweise den Namen „Sterbende Gewässer“…
In Mathis der Maler offenbart sich – den Widrigkeiten der Entstehungszeit zum Trotz – ein kraftvoller musikalischer Eneuerungsgeist,
der die Errungenschaften der Moderne
in einer faszinierenden Gesamtschau mit der Formenwelt der europäischen Musikgeschichte
vom gregorianischen Choral bis zu Richard Wagners Musiktheater-Pathos zu verbinden weiß. In solcher Konsequenz, mit solchem handwerklichem Geschick ist das kaum einem Komponisten je vorher und gewiss
danach nie mehr gelungen.
Wohl ganz bewusst knüpft Hindemith, der nach der Absage Gottfried Benns auch sein eigener Textdichter war – im Vorspiel, „Engelkonzert“,
an klassische Form-Muster an. Nach dem Vorbild von Wagners Meistersinger-
Vorspiel vereinigen sich die Themen am Höhepunkt der Entwicklung. Die am Beginn nach zarten G-Dur-Harmonien über wogenden
Streicherbewegungen schwebende Choralmelodie
„Es sungen drei Engel ein’ süßen Gesang“ kehrt dann triumphal wieder. Der rasche Hauptteil dieses Stückes, das gleichzeitig
erster Satz der von Furtwängler 1934 unter
Mühen in Berlin uraufgeführten „Mathis“-Symphonie bildet, ist auch als musikalische Bildbeschreibung von Matthias Grünewalds gleichnamigem Gemälde aus dem Isenheimer Altar zu deuten. Die Musik kehrt im sechsten Bild der Oper wieder, zu einem Text, der die musizierenden Engel mit den musikalischen Themen sinnfällig verbindet.
Die Handlung
Matthias Grünewald, Mathis der Maler, ist Held der Oper, die zur Zeit der Bauernkriege im 16. Jahrhundert angesiedelt ist. Wenn der Vorhang sich hebt, erleben wir ihn bei der Arbeit an einem großen Wandbild im Mainzer Antoniterkloster. Über der fast impressionistisch
getönten Schilderung (CD 1, Track 02) der in flirrendes Sonnenlicht getauchten Landschaft gerät Mathis ins Sinnieren über den göttlichen Aufgabe des Künstlers: „Hast du erfüllt, was Gott dir auftrug. Ist dass du schaffst und bildest genug?“
Die Antwort gibt (CD 1, Track 03) der überstürzte
Auftritt des Bauernführers Schwalb, der, verfolgt von den Soldaten des Fürsterzbischofs,
mit seiner Tochter Regina hinter den Klostermauern Zuflucht sucht. Die Idylle im Hof des Klosters ist trügerisch. Das „sonnige Land“ liegt im blutigen Bürgerkrieg. Mathis beruhigt Schwalb – die Musik wechselt beständig
zwischen dessen vorwärtsdrängender
Nervosität und der beschwichtigenden Sanftmut des Künstlers: „Alles ist ruhig. Du erholst dich wieder“. Während die Mönche den verwundeten Schwalb pflegen, plaudert
Mathis mit Regina (CD 1, Track 04). Sie labt und wäscht sich am Brunnen und singt dabei. Hindemith adaptiert – wie schon im Vorspiel der Oper – altes deutsches Liedgut, übernimmt sogar die typischen harmonischen Wendungen der Vokalmusik der Renaissance-Zeit (CD 1, Track 05). Von der kindlichen Unschuld
Reginas bezaubert, schenkt Mathis ihr ein Band, von dem er in breit fließendem Gesang nur offenbaren will, dass es einst aus Westindien nach Deutschland gekommen ist. Die Musik findet hier zurück nach Cis, die Tonart
des idyllischen Beginns der Oper, der auch mit dem Des-Dur des Engelschorals aus dem Vorspiel korrespondiert. So schafft Hindemith architektonische Verbindungen über das gesamte
Riesengebäude seiner Oper.
Schwalb, aus seiner Ohnmacht wieder erwacht, unterbricht das Gespräch jäh (CD 1, Track 06). Er macht Mathis Vorhaltungen: „Man malt?“, fragt er höhnisch. Das sei vielleicht
sündhaft angesichts des tausendfachen Leids der Menschen im Land. „Hast du erfüllt, was Gott dir auftrug“, die Frage kehrt nun unter
veränderten Umständen umso dringlicher wieder. Ein kraftvoll rhythmisiertes Duett der beiden Männer verschafft dem Künstler neue Einsichten: „Was an Taten in dir aufblühen soll, gedeiht an der Sonne Gottes allein, wenn deine saugenden Wurzeln tief hinein in den Urgrund deines Volkes tauchen“. Es sei an der Zeit, zu den Waffen zu greifen, die gerechte Sache der Bauern zu verteidigen, suggeriert Schwalb. Mathis schenkt ihm sein Pferd, als Regina aufgeregt („Staub am Himmel“, CD 1, Track 07) berichtet, dass sich eine Gruppe von Soldaten
dem Kloster nähere. Kaum ist der Bauernführer mit seiner Tochter davongesprengt, erscheint der Heerführer Sylvester von Schaumberg (CD 1, Track 08). „Ein Standgericht“ verlangt er für die Fluchthelfer. Die Soldaten ergreifen die Mönche. Doch angesichts des freimütigen Geständnisses
von Mathis, dem „Maler des Kardinals“,
droht Schaumburg mit späterer Rache: „Der Kardinal wird wissen, was Leuten deines Schlags gebührt“.
Am Beginn des zweiten Bilds ist Mainz in Aufruhr (CD 1, Track 09). Der Kardinal kehrt von langer Reise zurück. Während der Vorbereitungen
zu seinem Empfang geraten sich Studenten, Lutheraner und die päpstliche Partei
in die Haare. Der ideologische Zwist, den Hindemith in eine kontrapunktisch fulminante Chor-Szene integriert, erhält sogar komödiantische
Züge, sobald die Frauen der Streithähne
sich mit höchst irdischer Kritik einmischen: „Mit Kamm und Bürste hat man euch mühsam zurecht gemacht …“ Das Gewühl findet mit dem Auftritt des Kardinals ein jähes Ende. Den auseinanderstiebenden Untertanen verkündet
der Herrscher die große Freude (CD 1, Track 10): Er hat den Leichnam des Heiligen Martin als Reliquie für die Mainzer Hauptkirche
erstehen können. Die Reaktion des Chors fällt verhalten aus – Rat Capitos Stimme kommentiert
das Ensemble zynisch: „Wenn uns jetzt sonst nichts als ein toter Heil’ger fehlt“. Angesichts der Auseinandersetzungen zwischen
Katholiken und Lutheranern nimmt Capito,
eine Art Rheingold-Loge im alten Mainz, eine zwielichtige Stellung ein. Albrecht von Brandenburg vertraut seinem Rat, doch auch den aufständischen Bürgern ist er zugetan, denn es gilt, dem Kardinal die fehlenden Geld-Summen für Hofhaltung und teure Neuerwerbungen
wie jene der Martins-Reliquie und auch für den kostbaren Schrein, den Mathis dafür errichten soll, zu beschaffen. Den Kardinal
zieht es von den Staatsgeschäften immer mehr zur Einkehr und zur Beschäftigung mit der Kunst. Im Dialog mit der schönen Bürgerstochter
Ursula Riedinger (CD 1, Track 11) offenbart sich auch die Zuneigung, die er trotz seines Keuschheitsgelübdes zum weiblichen Geschlecht fasst. „Alleinsein schmerzt“, sagt Ursula, doch denkt sie weniger an den Kardinal,
der ihr zugetan ist, als an Mathis, nach dem sie sich sehnt. Wenn der Maler im Saal erscheint, beschreibt die aufwallende Musik
die Emotionen der jungen Frau: „Ein Jahr lang waren wir getrennt von allem, was wir lieben“. Ein kleines Ensemble (CD 1, Track 12) lässt zwei Gespräche simultan ablaufen: Während
Ursula und Mathis nach langer Absenz nicht wirklich zueinander finden können – zu verwirrt ist Mathis angesichts der Erkenntnis seiner politischen Aufgabe, als dass er Ursula
seine Liebe gestehen könnte –, verhandelt Ursulas Vater, der reiche Bürger Riedinger, mit dem Kardinal über finanzielle Fragen: „Benutzt des Bürgers Stärke, wo ihr schwach seid. Ich helfe gern aus jeder Not mit meiner Habe“. Doch ist Kredit an Bedingungen geknüpft:
Die mehrheitlich lutherischen Mainzer
Bürger verlangen, die anbefohlene Bücherverbrennung
zu verhindern. Lutherische Schriften sollen auf dem Mainzer Domplatz in Flammen aufgehen. Albrecht, als freier Geist durchaus geneigt, dem Wunsch stattzugeben, steht unter schwerem Druck. Domdechant Pommersfelden (CD 1, Track 13) – „Order aus Rom!“ – ringt ihm den Widerruf ab: „Die Bücher
müssen brennen!“ Rat Capito, der Doppelgesichtige,
nimmt für die lutherischen Bürger
Partei: „Wenn wir die Bücher verbrennen, wird sich der Mainzer Bürger weigern, Geld zu leihen. Wer malt uns dann Altäre?“ Sämtliche Geldquellen seien erschöpft. Der Truchsess von Waldburg zwingt den Kardinal zur Unterstützung
des Bundesheere im Kampf gegen die Bauern. Wie könnte man sie finanzieren? Lediglich der Bestrafung des Mathis, die Sylvester
von Schaumburg (CD 1, Track 14) wegen
Fluchthilfe vehement einfordert, widersetzt
sich der hin und her gerissene Kardinal mit festem Sinn: „Keiner rührt ihn an“. Dass der Künstler der Malerei entsagen will und um Entlassung ansucht, um sich der Sache der Bauern zu widmen – „meiner Brüder Angst lähmt mir die Hand, mit rotem Blut bedecken sich die Tafeln. Hängt mich, foltert mich. Nie mehr einen Strich!“ – kann Albrecht jedoch nicht verhindern. In einem großen Ensemble führt Hindemith die Stimmen der Streitparteien
(Albrecht, Capito, Schaumburg, Mathis und Pommersfelden) kunstvoll zusammen. Der Kardinal lässt Mathis schweren Herzens ziehen.
Im Hause Riedingers suchen die protestantischen
Mainzer Zuflucht und suchen ihre Schriften und Bücher in Sicherheit zu bringen (CD 2, Track 01). Die Bücherverbrennung wird auf dem Platz vor dem Haus bereits vorbereitet. Die Lutheraner versuchen, die katholischen Schergen mit wertlosen Büchern hinters Licht zu führen: „Ein arges Teufelsbuch: Eulenspiegel.
Für euch das Narrenschiff“. Doch Capito deckt das Versteck der lutherischen Schriften auf. Die Bücher werden konfisziert. Riedinger ist empört über den Wortbruch des Fürsten. Capito entgegnet: „Den Schlüssel zu Gottes Wohlgefallen, wer kennt ihn?“. Doch als die
Landsknechte mit den Büchern verschwunden
sind, übergibt er, um die aufgebrachten Bürger zu besänftigen, einen Brief Luthers an den Kardinal. Ein lebhaftes Solo Riedingers,
unterstützt vom Männerchor, begleitet die für die Lutheraner erregende Lektüre: Der Reformator beschwört in dem Schreiben Albrecht von Brandenburg, sein Bistums in ein reformiertes weltliches Fürstentum umzuwandeln.
Der Kardinal werde auf diesen Vorschlag
eingehen müssen, meint Capito, denn er schließt eine reiche Heirat Albrechts mit einer Bürgerstochter ein. Dies sei die einzige Möglichkeit, die Finanzprobleme des Bistums zu lösen. Der Rat kennt seinen Fürsten: „Er ist Neuerungen zugetan, möchte bessern, Vorbild sein. Frauen sieht er auch nicht allzu ungern an“. Die Passende wäre leicht gefunden,
suggeriert Capito: In diesem Moment (CD 2, Track 02) erscheint Ursula, Riedingers Tochter. „Man könnte päpstlich werden und an Zeichen glauben“, flüstert der Chor. Riedinger
beschwört seine Tochter, zum Wohl des Landes auf den Handel einzugehen. Die Lutheraner
schwelgen im Vorgefühl des nahen Triumphs. Doch Ursula liebt Mathis. Als sie, allein geblieben, mit ihrem Schicksal hadert, erscheint der Maler: In einem bewegenden Duett (CD 2, Track 04) muss Ursula nicht nur die Scheu des Künstlers erkennen, sich an die viel jüngere Frau zu binden, sondern auch seinen
Entschluss, sich den kämpfenden Bauern anzuschließen. Ans Malen sei angesichts der Not im Land nicht mehr zu denken: „In dunkles Land führt mich mein Weg. Ich darf mich nicht weigern, hinein zu schreiten“. Während auf dem Platz draußen unter heftiger Zustimmung der päpstlichen Partei und den energischen Protestchören der Lutherischen die Glut der brennenden Bücher immer heftiger auflodert, erstickt die Liebe zweier Menschen an Gehorsam
und Pflichtbewusstsein. „Blind trägt mich der Schritt durch Glut und Eis deiner Vernunft. Nichts denkt in mir. Eines nur weiß ich: nie vergehn wird mein Sehnen, immer lieb ich dich“, bekennt Ursula. „Vertrautheit, die mich beglückte, die Liebe die mich stärkte, Einheit, in der wir lebten, stirbt dem Leid.“
Als Mathis gegangen ist, erscheint Riedinger
mit seinen Vertrauten wieder, um Ursulas Entscheidung zu vernehmen. Die Lutheraner triumphieren (CD 2, Track 05).
Mathis flieht vor seinen Seelenqualen und stürzt sich tatsächlich in den Kampf. In Königshofen wird er Zeuge, wie marodierende
Bauern-Truppen zu Marschrhythmen (CD 2, Track 06) den Grafen Helfenstein ermorden.
Der Spielmann des Grafen verhöhnt den einstigen Dienstherrn, die Bauern tanzen und besingen triumphierend die Umwertung aller Werte. Mathis, der die Vorgänge angewidert
kommentiert (CD 2, Track 07), kann nur noch verhindern, dass auch die Gräfin Opfer der Gewalt wird. Doch die entfesselte Brutalität macht auch vor ihm, dem Verbündeten,
nicht Halt. „Was willst du? Gerufen hat dich niemand!“ Er wird niedergeschlagen. Schwalb und Regina kommen ihm zu Hilfe (CD 2, Track 08). In einem Ensemble wird die gedrückte Stimmung, die auf allen lastet, sinnfällig, „Kampf und kein Ende“, klagen die Bauern. Regina beschreibt die verzweifelte
Lage Schwalbs, der die marodierenden Truppen nicht mehr zu ordnen weiß: „Den Vater bedrückt so schwere Sorge“. Die Gräfin erkennt, dass der „Übermut“ der Bauern „zu Ende“ ist. Mathis versinkt in dumpfes Brüten: „Ohnmächtig starre ich dem Untergang entgegen“.
Das heranrückende Bundesheer (CD 2, Track 09) walzt den Aufstand vernichtend nieder und zieht im Triumphmarsch durch (CD 2, Track 10). Schwalb fällt im Gemetzel. Mathis entkommt der Gefangennahme dank des Einspruchs der Gräfin Helfenstein. Auf dem Schlachtfeld bleibt er allein mit der verzweifelten
Regina zurück. Sein Weltbild ist erneut ins Wanken geraten (CD 2, Track 11). „Wagen wollen, was ein Wille nicht zu zwingen
vermag. Sich erheben über die Fähigkeiten
des Menschen. Ein einziger durfte tragen das Kreuz der Welt… und was bist du gewesen?
Ein unzufriedner Maler, ein mißratner Mensch.“ Mit dem Mädchen flieht er aus dem Inferno in den schützenden Odenwald.
Inzwischen schlägt in Mainz der Versuch des schlauen Capito fehl, den Kardinal von den Vorzügen von Luthers Plan zu überzeugen.
„Wollt ihr mich denn entmündigen?“, tobt Albrecht (CD 2, Track 12). Er will sich den Plänen
Luthers nicht fügen, zögert nur in jenem Moment, da die Erwählte im Saal erscheint (13): Der Anblick von Riedingers schöner Tochter, deren wachen Intellekt er schätzen gelernt hat, droht Albrecht einen Moment lang schwanken zu lassen: „Auf einen Angriff war ich nicht gefaßt, bei dem so starke Streiter kämpfen“. Doch Ursulas schicksalsergebene Demut im Werben für den lutherischen Glauben
und die Sache des Volkes, auch wenn sie sich zu einem kraftvollen Monolog aufschwingt,
hat letztlich nicht die Kraft, den Kardinal
von seinem längst gefassten Entschluss abzubringen, künftig als Eremit zu leben und sich – ehelos – von der Welt zurückzuziehen. Die Honoratioren, die nach dem Gespräch der
beiden wieder eintreten, sind wenig erbaut über dieses Ergebnis: „Auf ihn kann man sich nicht verlassen“, ätzt Rat Capito. Und Riedinger
räsoniert: „Stellt Weiber nicht auf Männerposten,
dann zeigen sich bessere Ergebnisse“.
Im Odenwald. Die Musik (CD 3, Track 01) beschwört mit ausgreifenden Gesten die unheimliche
Stimmung, die Mathis und Regina auf der Flucht umfängt – und die Seelenpein des gescheiterten Künstlers. Regina verfolgt das Bild des toten Vaters (CD 3, Track 02). Angesichts
des hereinbrechenden Abends bettet Mathis das erschöpfte Mädchen zur Ruhe. Zu einer Rekapitulation der Musik des Opern-Vorspiels
(CD 3, Track 03) singt er das Mädchen in den Schlaf: Die drei musizierenden Engel des „Engelkonzerts“ kontrapunktiert die Stimme Reginas im Entschlummern mit dem Choral „Es sungen drei Engel“. Mathis umfängt der magische Zauber des nächtlichen Waldes. In einer gigantischen – Grünewalds „Versuchung
des Heiligen Antonius“ nachempfundenen
– Visions-Szene (CD 3, Track 04) erscheinen
die Gestalten der Oper in allegorischer Verkleidung. Die Gräfin Helfenstein ist die Üppigkeit:
„Wem Schätze wurden, der muß sich reicher sparen. Die Erde liegt dir zum Genusse offen“. Domdechant Pommersfelden weiß, wozu der Reichtum nützt: „Gibt es das, wovon sie schreiben: Göttlichen Geist, so kann er nur in dem ruhn, der Andere beherrscht“. Zu verzehrenden Klängen erscheint Ursula (CD 3, Track 05), zuerst als Bettlerin, dann als Buhlerin:
„Ein Leib wird einzig Sucht“. Doch Mathis/Antonius widersteht: „In einem Augenblicke reift, was als schaler Rest sogleich erstirbt“. Die Erscheinung verwandelt sich in eine Märtyrerin:
„Über die Lust hinaus wächst nur der Schmerz“. Der Alptraum verdichtet sich unerträglich:
Rat Capito verkündet als Gelehrter das Hohelied der Wissenschaft, Bauernführer
Schwalb besingt die Kriegslust. Aus den Fängen der wilden Jagd des Dämonenheers (CD 3, Track 06), dessen Gewalt er mit dem Choral „Lauda Sion Salvatorem“ zu bannen versucht, wird Mathis/Antonius schließlich vom Einsiedler Paulus in Gestalt Albrechts von Brandenburg gerettet (CD 3, Track 07). In gewaltiger Steigerung führt er ihn im intellektuellen
Dialog (CD 3, Track 08) seiner eigentlichen
Aufgabe zu. Nicht Krieg zu führen sei das Werk des Künstlers, der „zum Bilden übermenschlich begabt“ sei: „Geh hin und bilde!“. Das Duett schließt mit einem strahlenden
D-Dur-Lobgesang auf den Allmächtigen.
Die Bilder, die ihm in den Visionen im Odenwald erschienen sind, hat Mathis, umsorgt
von Ursula (CD 3, Track 09), in rastloser Arbeit künstlerisch zu bannen versucht. Das „Engelskonzert“, die „Versuchung des Heiligen
Antonius“ und das „Gespräch der beiden
Eremiten“ sind vollendet, die Kraft des Künstlers ist erschöpft. Regina, verfolgt vom Bild ihres toten Vaters, liegt im Sterben (CD 3, Track 10). Im Kreuzigungsbild, das Mathis gemalt
hat, erkannte sie die Augen des Getöteten
wieder. Sie schenkt der treuen Ursula, die ihr in ihrer letzten Stunde beisteht, das Band, das ihr einst Mathis geschenkt hatte – einer der berührendsten Momente der Oper, denn das Band war ursprünglich ein Geschenk Ursulas
an den geliebten Mathis gewesen. Die Todesstunde Reginas begleitet die Musik der Grablegung, Mittelsatz der Symphonie, ein erschütterndes großes Aufbäumen – gefolgt von zarter Ergebung (CD 3, Track 11). Nach dem Zwischenspiel, bei dem die Bühne in Dunkel getaucht ist, erscheint das Atelier des Künstlers aufgeräumt. Albrecht tritt ein (CD 3, Track 12), um Mathis zu bitten, in seinem Haus als freier Künstler zu leben. Doch Mathis weiß, dass sein Auftrag erfüllt ist. „Auf denn, zum letzten Stück des Wegs“ (CD 3, Track 13) Er will nur noch seinen kargen Besitz, seine Erinnerung an ein reiches, bewegtes Leben ordnen. Einer Truhe übergibt er eine Papierrolle,
sein Werkzeug, die Bücher – und das Band, gleichermaßen das Liebespfand seiner Zuneigung zu den beiden prägenden Frauengestalten
seines Lebens.
wilhelm sinkovicz
Paul Hindemith: Komponist, Bratschist, Dirigent, Dozent, Musiktheoretiker
Paul Hindemith wird am 16. November 1895 in Hanau geboren. Vom dritten bis sechsten
Lebensjahr lebt er bei den Großeltern im schlesischen Naumburg an der Queis. Mit neun Jahren erster Violinunterricht, ab 1908 Violin-
und Kompositionsstudium am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt. Von 1915 bis 1923 Konzertmeister an der Frankfurter Oper; Bratschist
im Amar-Quartett. Von 1923 bis 1930 ist Hindemith Mitglied des Programmausschusses
der Donaueschinger Musiktage. 1927 beruft ihn die Berliner Hochschule für Musik zum Professor für Komposition. Internationale solistische Tätigkeit als Bratschist. Unter dem nationalsozialistischen Regime werden seine Werke ab 1934 mit einem Sende-, ab 1936 mit einem Aufführungsverbot belegt. 1938 geht Hindemith
mit seiner Frau Gertrud ins Schweizer Exil, 1940 in die USA. Hier lehrt er bis 1953 an der Yale University. Seit Ende der 40er Jahre ist Hindemith zunehmend als Dirigent eigener und fremder Werke tätig. 1950 kehrt er zurück in die Alte Welt und lässt sich in der Schweiz nieder. Neben Yale nun auch Lehrtätigkeit an der Universität Zürich. Paul Hindemith stirbt am 28. Dezember 1963 in Frankfurt.
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