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Mehr als 300 Jahre nach dem Tod von Johann Kaspar Kerll ist die wissenschaftliche Aufarbeitung seines Schaffens noch immer im Gange. Johann Caspar Kerll wurde 1627 in Adorf, Sachsen, geboren. Im Jahr 1656 wurde er Kurfürstlicher Bayerischer Hofkapellmeister in München. Seine Orgelwerke entstanden jedoch erst in seiner Wiener Zeit ab 1674. Kerll starb 1693 in München.
Joseph Kelemen stellt auf dieser CD die gesamte freie Tastenmusik von Johann Kaspar Kerll vor. Seine Tonsprache ist mit ihrem hohen Grad an Virtuosität stark von italienischen Einflüssen geprägt. Gerade die explizit für die Orgel komponierten Werke schöpfen alle klanglichen und technischen Ressourcen der damaligen Orgeln aus. Die vorliegende Aufnahme entstand an der historischen Egedacher-Orgel von Stift Schlägl in Oberösterreich.
Johann Caspar Kerll
Sämtliche freie Orgelwerke
„Die Zeit ist mit Johann Caspar Kerll nicht eben freundlich verfahren“ – so beginnt das Vorwort von John O’Donnells Kerll-Edition, die auch unserer Einspielung zugrunde liegt. Mehr als 300 Jahre nach Kerlls Tod ist die wissenschaftliche
Aufarbeitung seines Schaffens noch immer im Gange. Lange Zeit wurden ihm wenig bedeutende Cembalo- und Orgelwerke
anderer Komponisten zugeschrieben; ein Großteil seiner (Vokal-)Werke ist noch gar nicht herausgegeben.
Johann Caspar Kerll, geboren 1627 in Adorf, Sachsen, erhielt seine erste musikalische
Ausbildung wahrscheinlich von seinem Vater, dem Organisten Caspar Kerll. Noch als Knabe trat Johann Caspar in den Dienst des Habsburger Erzherzogs Leopold Wilhelm, der ihn über Wien nach Rom zum Studium schickte. Somit gehört Kerll mit Hans Leo Hassler (1564–1612), Johann Jacob Froberger (1616–67) und Georg Muffat (1653–1704) zu den süddeutschen Tastenmusik-Komponisten mit italienischer Ausbildung.
In Rom studierte Kerll 1649–51 Musik am Jesuitenkolleg Germanicum et Hungaricum
bei Giacomo Carissimi (1605–74); eine Bekanntschaft
mit dem zu jener Zeit ebenfalls in Rom weilenden Froberger erscheint gewiss. Gleich nach der Beendigung des Studiums in Rom hielt sich Kerll 1651–56 als Hoforganist im Dienste Leopold Wilhelms in Brüssel auf: Dieser war auch Statthalter der Niederlande
in Vertretung für den spanischen König Philipp IV.
Im Jahre 1656 wurde Kerll Kurfürstlich Bayerischer Hofkapellmeister in München, wo er im Mai 1657 in der Frauenkirche auch heiratete. München war eine wichtige Wirkungsstätte
für Kerll: Hier entstanden seine Bühnen- und kirchenmusikalischen Werke sowie seine Kammermusik. Seine Aufführungen
am Hof sollen das Münchner Musikleben zu jenem Niveau kultiviert haben, das es unter Orlando di Lasso (1532–94) einmal genossen hatte1. Diese fruchtbare Zeit erlitt 1673 durch die unverzeihliche Beleidigung eines italienischen
Musikers nach sechzehn Jahren Aufenthalt
in München ein abruptes Ende.
Kerll zog nach Wien. 1674–77 war er dort wahrscheinlich als Domorganist am Stephansdom
tätig3; ab 1677 stand er nachweislich als Hoforganist im Dienste Leopolds I. Seine Werke für Tasteninstrumente sind mit großer Sicherheit Früchte der Wiener Zeit. Aufgrund der Kriegswirren des Jahres 1683 (die Türken standen vor Wien) kehrte Kerll nach München zurück, wo er seine Magnificat-Verse mit dem Titel Modulatio organica 1686 herausgab. Im Anhang zu Modulatio erschien ein von ihm selbst erstellter Werkskatalog seiner Tastenmusik:
Dieser Katalog gilt als eines der frühesten
gedruckten Verzeichnisse eines einzelnen Komponisten. Über die letzte Dekade von Kerlls Leben liegt wenig Information vor; er starb 1693 in München.
Die bekannte Anekdote4 über das sagenumwobene
Manuskript im Besitz Johann
Christoph Bachs in Ohrdruf, woraus der jüngere Bruder Johann Sebastian Bach (1685–1750) gelegentlich spielen durfte und welches er später insgeheim bei Mondschein abschrieb, wirft ein erhellendes Licht auf Kerlls wichtige Rolle in der Geschichte der Tastenmusik. Das Manuskript enthielt Werke
dreier Komponisten: Froberger, Kerll und Johann Pachelbel (1653–1706); diese waren (zusammen mit Georg Muffat) die wichtigsten Komponisten von Tastenmusik des südlichen deutschen Sprachraumes im 17. Jahrhundert. Somit hat auch Kerll zur späteren Synthese des Bach’schen Schaffens beigetragen.
Bach bearbeitete später sogar Kerlls Missa superba in seinem Sanctus BWV 241, während Georg Friedrich Händel (1685–1759) ganze Passagen
des Capriccio Sopra’ il Cucu im zweiten Satz seines Orgelkonzertes F-Dur verwendete. Der Chorsatz Egypt was glad when they departed
seines Oratoriums Israel in Egypt hat Kerlls Canzone quarta als Vorlage.
Zum Werk
Die Komponisten des 17. Jahrhunderts überließen
die konkrete Wahl des Tasteninstrumentes
(Orgel, Cembalo oder Clavichord) häufig
den Interpreten. Unter Kerlls Werken sind die Toccata quarta (6) und sesta (11) der Orgel zugedacht: Die erste ist eine sogenannte Elevationstoccata
(in der Mess-Liturgie während der Wandlung zu spielen), die letztere trägt die Bezeichnung per il pedale. Alle anderen Werke
können auch auf dem Cembalo adäquat dargestellt werden. Unsere Einspielung umfasst
die gesamte freie Tastenmusik Kerlls, die sich auf der Orgel verwirklichen lässt. Auf die Wiedergabe der vier Suiten (eindeutig Cembalo-
Stücke) sowie der liturgisch orientierten
und choralgebundenen Magnificat-Verse
wurde (obgleich es sich um Orgelstücke handelt)
verzichtet.
Die hier eingespielten Werke – wie bei Kerll systematisch aufgelistet – sind:
Toccata prima in d
Toccata seconda in g
Toccata terza in a
Toccata quarta in e Cromatica con durezze, e ligature
Toccata quinta in C
Toccata sesta in F per il pedale
Toccata settima in g
Toccata ottava in G
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Canzone prima in d
Canzone seconda in g
Canzone terza in d
Canzone quarta in e
Canzone quinta in C
Canzone sesta in G
Capriccio Sopra’ il Cucu in G Battaglia in C Ciaccona in C Passacaglia in d
Ricercata in d
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Bedingt durch Kerlls Studienzeit in Italien, weisen
Struktur und Tonsprache der Werke auf italienische Einflüsse hin. Auch durch die im Notenbild reichlich vorhandenen ausgeschriebenen
Verzierungen in italienischer Manier wird dies deutlich: In der italienischen Tastenmusik des 17. Jahrhunderts war es allgemeiner Usus, Verzierungen auszunotieren. Ebenfalls italienischen
Ursprungs in Kerlls Musik ist die hohe Virtuosität, die über lange Passagen die Grenze des technisch Machbaren berührt, ohne das Virtuosentum
je zum Selbstzweck zu erheben.
Kerlls acht Toccaten, nach Kirchentonarten
gegliedert, beziehen sich formal auf Girolamo
Frescobaldis (1583–1643) gleichnamige Werke. Die „Toccata“ ist die wichtigste Gattung
der Tastenmusik im 17. Jahrhundert und besteht jeweils aus mehreren Teilen von kontrastierendem
Affekt, wobei diese Kontraste in Kerlls Werken weniger ausgeprägt sind als etwa bei Frescobaldi.
Die spielfreudigen Canzonen zeichnen sich durch die kontrapunktische Raffinesse ihrer Komposition (seconda und quinta) sowie
durch die eigenwillige Anlage ihrer Kopf-themen (sesta) aus. Bemerkenswert ist die schnelle Tonwiederholung in einigen Kopfthemen
(prima, terza und quarta). Der Stoff des Capriccio Sopra’ il Cucu – wiederum mit Frescobaldis gleichnamigem Stück des Primo libro di Capricci 1624 als Vorbild – konzentriert sich auf die 203-malige Wiederholung des Kuckuckrufs. Die Battaglia, bis vor kurzem für ein Werk des Spaniers Juan Cabanilles (1644–1712) gehalten, verwendet für die musikalische
Darstellung ihrer Kriegsszenerie ein respektables Aufgebot von Trommeln, Pfeifen und Pauken. Die Ciaccona und die Passacaglia
repräsentieren mit 20 bzw. 40 Variationen über ein jeweils zweitaktiges Bass-Thema Meisterwerke der Variationskunst, während die Ricercata durch ihr herrlich bedächtiges Polyphonie-Gefüge besticht.
Zum Instrument
Der Erbauer der ersten Orgel im oberösterreichischen
Prämonstratenserstift Schlägl, Andreas Putz (um 1590–1657), stammte aus Passau, einer Stadt, die im 17. Jahrhundert eine rege Orgelbautätigkeit aufwies. Ob Kerll die 1633 fertiggestellte Orgel je kennenlernte – etwa auf dem Weg von Wien nach München oder Brüssel –, bleibt im Bereich der Vermutungen.
Der jetzige Zustand der Orgel geht auf den Salzburger Johann Christoph Egedacher (1664–1747) zurück, der sie nach einem Kirchenbrand
von 1702 im Jahre 1708 erweiterte.
Nach mehreren Umbauten, darunter 1960 durch die schweizerische Fa. Kuhn, wurde sie von der niederländischen Fa. Gebr. Reil 1990 unter orgelbauhistorischen Gesichtspunkten vorbildlich restauriert. Von großer klanglicher Präsenz im Kirchenraum, enthält die Schlägler Orgel mit ihren 21 Registern, verteilt auf zwei Manualen und Pedal (im Pedal nicht weniger als 6 Register), einen hohen Originalpfeifenanteil.
Fehlendes Pfeifenwerk wurde bei der Restaurierung anhand vergleichbarer Instrumente
(z.B. der 1642 vom ebenfalls Passauer Johannes Freundt erbauten Orgel in Klosterneuburg)
rekonstruiert.
Die bei der Restaurierung erreichte klangliche
Ursprünglichkeit lässt die Egedacher-Orgel6
wie geschaffen für die Wiedergabe der österreichisch-süddeutschen Orgelmusik des 17. Jahrhunderts – somit auch der Tastenmusik
Kerlls – erscheinen.
Zur Interpretation
Die mitteltönige Stimmung der Egedacher-
Orgel spielt im Klangkonzept des eingespielten
Programms eine zentrale Rolle. In Süddeutschland wurden die Orgeln noch tief in das 18. Jahrhundert hinein mitteltönig gestimmt
(z.B. Baumeister-Orgel 1737 von Maihingen),
so dass Kerlls Musik als Produkt des 17. Jahrhunderts in der Mitteltönigkeit eine ideale Lösung findet. In der um 1/5 Komma „gemilderten“ Stimmung der Egedacher-Orgel sind nur einige Passagen (Töne dis/ais) der Toccata terza (14) und quarta (6) „sauer“. In einer „ungemildert“ mitteltönigen Stimmung würde Kerlls Toccata quarta (6) unerträglich klingen: Für ihre adäquate Darbietung benötigte
man Subsemitonien.
Wie die meisten Instrumente in Kerlls Laufbahn
verfügt die Egedacher-Orgel auf all ihren drei Klaviaturen über die kurze Oktave. Kerll wird beim Komponieren der hier eingespielten Werke die kurze gebrochene Oktave vorausgesetzt
haben, da mehrere Stellen (Ciaccona (4) T. 19 und Ricercata (12) T.43, auch Toccata
prima (1) T. 12) nur mit der kurzen Oktave greifbar sind. Das Fis in der Toccata seconda (18) (T.11) verlangt hingegen nach einer Erweiterung
der tiefen (kurzen) Oktave, was bei einer sog. „gebrochenen“ Oktave gegeben ist. In der vorliegenden Interpretation mit einem
Instrument, das lediglich über eine kurze Oktave verfügt, musste das Fis in d° umgelegt werden.

Fig.2. Abbildung einer gebrochenen Oktave. Johann Baptist Samber, Manuductio ad Organum, Salzburg 1704.
Ein weiterer Bestandteil des Programms ist die Anwendung des Alten Fingersatzes. Im Süddeutschland des 17. Jahrhunderts kursierte höchstwahrscheinlich dessen venezianische
Variante; sie wurde auch unserem Programm zugrunde gelegt. In Fingersatzfragen
gab es damals allerdings keine klare geographische
Trennungslinie. Leider sind in den Originalquellen von Kerlls Musik keine eindeutigen
Fingersatzangaben vorhanden. Somit
wurde bei der Einspielung der Kerll’schen Tastenmusik eine Applikatur angewandt, die in den Handschriften der Zeit von Kerll vorkommen.
Die Toccaten, als Rückgrat der Einspielung, sind um zwei Ecksäulen geordnet. Eine Säule ist die Toccata quarta (6) – ein gutes Beispiel des Durezze e ligature-Stils (Reibungen und Bindungen). Dieser Stil, wiederum italienischen
Ursprungs, fand seinen Weg sogar in die norddeutsche Orgelmusik des 17. Jahrhunderts.
Die Musik dieses Stils besticht – im Gegensatz zur figurativen Musik des Plenumstils
– mit „singendem“ Charakter und erklingt in der italienisch-deutschen Tradition des 17. Jahrhunderts am Besten mit dem deutlich zeichnenden Principal 8’, wie es in unserer Einspielung zu hören ist.
Die zweite Ecksäule bildet die Toccata sesta (11) – ein herausragendes Beispiel der brillanten Toccaten im 17. Jahrhundert mit kaskadenartigem Laufwerk über einem Orgelpunkt
und somit eindeutig ein Plenumstück. Das Plenum in Schlägl ist für die Größe der Orgel von beachtlicher Vielfalt: Es zeigt eine breite Klangpalette, die von zart bis festlich, von der Pracht bis zur Durchschlagskraft reicht. Die vorliegende Einspielung macht von dieser Klangpalette bewusst Gebrauch und verwendet im Programm insgesamt neun verschiedene
Plenumregistrierungen.
Die Toccata prima (1), mit ausgiebigem Laufwerk, ist ein Musterbeispiel der cembalistisch
orientierten italienischen Toccaten – gespielt
zum Auftakt des Programms mit einem Unterpositiv-Plenum. In der Toccata ottava (3) unterstreicht das einzige Manual-Zungenregister
(die rekonstruierte Pusaundl 8’ des Hauptwerks) mit seiner deutlichen Tonansprache
das rhythmische Spiel des Beginns; mitunter ist sie ein willkommener Gast in einer sonst italienisch orientierten Disposition mit wenigen Zungenregistern.
In der Toccata quinta (9) werden zwei Principalchöre der 8’+4’+2’-Lage jeweils von Hauptwerk und Unterpositiv einander dialogisch
gegenübergestellt. Das gleichzeitige Spiel der Hände auf zwei verschiedenen Manualen
bleibt im süddeutschen Stil allerdings die Ausnahme. In der auch von süddeutsch-österreichischen Meistern benutzten italienischen
Griffnotation wird die rechte Hand dem oberen Notensystem, die linke dem unteren – ohne Anspruch auf logische Stimmführung – zugewiesen.
Der Anfang der Toccata terza (14) wird aufgrund seines gesanglichen Charakters mit Principal 8’ registriert. Im weiteren Verlauf der Toccata (T.50 bzw. T.61) ergibt sich die Möglichkeit
des Vergleichs zweier aufeinanderfolgender
„schlanker“ Plenumregistrierungen gleicher Zusammenstellung (8’+4’+Mixtur, Unterpositiv
bzw. Hauptwerk). Die rekonstruierte Copl 8’ (aus Metall) des Hauptwerkes verleiht der Toccata settima (16) samt ihren schnellen Passagen einen samtartig schmiegsamen Charakter. Kerlls Toccata seconda (18) zeigt zu Beginn die schönen Flötenklänge der 8’- und 4’-Lage der Orgel, bis sie einem Spiel der Akkordbrechungen (T. 25) und der Triller (T. 39) weichen.
Die Canzonen werden vorwiegend mit Registern
der mittleren Lage (3’, 2’ und 1½’) in unterschiedlicher
Kombination dargestellt. Die canzone prima (2) und terza (10) bieten ferner in ihrem Anfang einen interessanten Vergleich der 4’-Flöten von Egedacher bzw. Putz. Die Ciaccona (4) breitet einen schönen Klangteppich der gut erhaltenen, weichen Copula 8’ von 1633 aus. Die Wahl des sonoren Klanges des Principal 8’ – in Schlägl im Prospekt
stehend und original erhalten – erweist sich für den strengen Kontrapunkt einer Ricercata
(12) als ideal. Die Battaglia (17) wird vom knatternden Klang der Pusaundl 8’ geprägt, bis schließlich „La Vittoria“ des Unterpositiv-Plenums (T.91) einsetzt. Die Passacaglia (19) ist wohl Kerlls tiefgründigstes Orgelwerk: In ihr werden alle klanglichen und technischen Ressourcen der damaligen Orgel ausgeschöpft.
Als Abschluss unseres Programms erhält sie in der kräftigen Plenumregistrierung eine feierliche Wiedergabe.
Joseph Kelemen
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