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Johann Kaspar Kerll: Missa Nigra
Agostino Steffani: Laudate Pueri
orpheus chor münchen · Neue Hofkapelle München
Gerd Guglhör, conductor
Gerlinde Sämann soprano
Constanze Backes soprano
Alan Dornak altus
Robert Sellier tenor
Hermann Oswald tenor
Thomas Hamberger bass-baritone
Die Aufnahmen von Werken der Münchner Komponisten Johann Kaspar Kerll (1627–1693) und Agostino Steffani (1674–1728) lassen die hohe musikalische
Kultur am Münchner Hof in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erlebbar werden.
Gerlinde Sämann
Die Sopranistin Gerlinde Sämann wurde
1969 in Nürnberg geboren. Sie studierte
am Richard-Strauss-Konservatorium in
München Klavier und Gesang und arbeitete
mit Lehrern wie Karl-Heinz Jarius, Henriette
Meyer-Ravenstein und Selma Aykan. Außerdem
absolvierte sie eine Ausbildung zur
Atemtherapeutin nach Ilse Middendorf. Ihr
Repertoire reicht von historischen Werken
über Lied und Oratorium bis hin zu Avantgarde
und zeitgenössischem Musiktheater. Für
ihre künstlerische Arbeit erhielt sie im Jahre
2000 ein Stipendium der Landeshauptstadt
München. Mit dem Dresdner Kreuzchor,
dem Choeur de Chambre Accentus,
dem Mittelalter-Ensemble Estampie, Armonico
Tributo Austria, Arsyis Bourgogne, u.
a., trat Gerlinde Sämann in renommierten
Festivals als Solistin auf (Styriartres, “La
folle journée” de Nantes, Festa da Musica
Lissabon, Festival de Vezelay Bourgogne
etc.). Zahlreiche Radioaufnahmen und CDs
sind im In- und Ausland entstanden.
Constanze Backes
Constanze Backes, geboren in Bochum,
studierte an der Folkwang-Hochschule
Essen sowie privat bei Jessica Cash in London.
Hier erhielt sie 1996 den Lady-Nixon-
Förderpreis für junge Sänger und trat dem
Monteverdi-Choir bei. Unter dessen Leiter
Sir John Eliot Gardiner sang sie in Opernproduktionen
und bei semikonzertanten
Aufführungen in Paris, Parma, Amsterdam
und Ludwigsburg. In England arbeitete sie
auch mit Dirigenten wie Paul McCreesh,
Robert King, Rene Jacobs, Simon Standage
u. a. In Deutschland konzentriert sich ihre
Arbeit ebenfalls auf die Interpretation von
Werken der Renaissance und des Barock.
Als Mitglied der Ensembles Musica Fiata,
des Gesualdo Consort Amsterdam, Alte
Musik Dresden und anderen war sie an
zahlreichen CD-Produktionen beteiligt. Im
zweiten Jahr in Folge gab Constanze Backes
2003 einen Meisterkurs in Warschaus
Wilanow-Sommerakademie.
Alan Dornak
Alan Dornak wurde in Texas geboren
und machte 1996 zunächst an der Sam
Houston State University seinen Abschluss
im Fach Tenor. Angeregt durch einen
Meisterkurs, den er bei Michael Chance
absolvierte, wechselte er zum Altus. Alan
Dornak war Stipendiat der Horst und Gretl
Will-Stiftung, und konnte Dank dieser ein
Zusatzstudium im Fach Altus an der Hochschule
für Musik Dresden abschließen. Bereits
unmittelbar nach seinem Fachwechsel
trat er als Solist mit dem Dresdener
Kammerchor, dem Dresdener Kreuzchor,
den Kapellknaben der Hofkirche Dresden,
dem Ensemble Alte Musik Dresden, dem
Sächsischen Vocalensemble, dem Weimarer
Barockensemble, der Berliner Lautten
Compagney, der Akademie für Alte Musik
Berlin und der Capella Orlandi Bremen auf.
Alan Dornak debütierte 2001 als Altus mit
der Berliner Kammeroper und war bei den
Musikfestspielen Dresden und Potsdam-
Sanssouci zu hören. Im März 2003 sang er
Stabat Mater von G. B. Pergolesi mit Saint
Alban’s Festival Choral Society in NYC.
Robert Sellier
Robert Sellier, geboren 1979 in München,
erhielt seinen ersten Gesangsunterricht
im Rahmen der Bayrischen Singakademie
bei Hartmut Elbert. Seit Herbst 2000
studiert er an der Hochschule für Musik
Nürnberg-Augsburg, Abteilung Augsburg
bei Jan Hammar. Er belegte Meisterkurse
bei Margret Baker-Genovesi und Rudolf
Jansen, sowie eine Oratorienklasse bei
James Taylor. Seit 2002 ist er Ensemblemitglied
am Freien Landestheater Bayern. Sein
Repertoire an geistlicher Musik erstreckt
sich von C. Monteverdis Marienvesper
über Bachs Oratorien bis zu Werken des
20. und 21. Jahrhunderts; er hat Konzertverpflichtungen
u. a. bei Enoch zu Guttenberg.
2003 erhielt er ein Stipendium des Richard
Wagner Verbands. 2004 gewann er den
1. Preis (Walter-Wiedemann Preis) beim
Gesangswettbewerb der Hochschule für
Musik Nürnberg-Augsburg.
Hermann Oswald
Der Tenor Hermann Oswald sang als Kind
schon im Tölzer Knabenchor, schloss
jedoch zunächst ein Studium der Landwirtschaft
ab. Er entdeckte seine sängerische
Leidenschaft wieder und fand 1992 den Einstieg
in eine erfolgreiche Sängerlaufbahn.
Seine Vorliebe für die Barockmusik führte
zu einer deutlichen Ausrichtung seines solistischen
Tätigkeitsbereiches im Konzertsowie
Opernfach. Sehr schnell brachte
ihn die intensive Zusammenarbeit mit den
Dirigenten Howard Armann, Ivor Bolton
und Thomas Hengelbrock in der Szene der
Barockmusik weiter. Zahlreiche CD-Veröffentlichungen
folgten in den kommenden
Jahren. Neben einer ausgedehnten Konzerttätigkeit
im gesamten europäischen
Raum wurde Hermann Oswald als freier
Opernsänger immer wieder von namhaften
europäischen Opernhäusern, wie Berlin,
München, Wien und zuletzt Straßburg, sowie
zu bedeutenden Musikfestspielen (u. a.
Bremen, Schwetzingen, Innsbruck, Potsdamm
und Dresden) eingeladen. Seit jüngerer
Zeit entdeckt Hermann Oswald seine
Liebe zum Liedgesang. Eine Leidenschaft,
die einen immer größeren Stellenwert in
seiner Gesangstätigkeit einnimmt.
Thomas Hamberger
Der bei München lebende Bass-Bariton
Thomas Hamberger studierte
zunächst Maschinenbau, doch zeichnete
sich sein Weg als Sänger bereits ab. Er begann
seine private Gesangsausbildung bei
Waldemar Wild, die er später bei Michael
Felsenstein in Stimmbildung und Atemtechnik
fortsetzte. Nach dem Ingenieurdiplom
wurde er zunächst Mitglied im Konzertchor
des Bayerischen Rundfunks, wo er reiche
Erfahrungen unter großen Dirigenten wie
Bernstein, Maazel, Muti, Sawallisch, Solti,
Abbado, Davis u. a. sammeln konnte. Thomas
Hamberger konnte sich erfolgreich
als Solist überwiegend im Oratorien- und
Liedgesang etablieren, was seine häufigen
Engagements in München, ganz Deutschland,
Österreich, Italien, Schweiz und
Frankreich ebenso zeigen wie Einladungen
zu internationalen Musikfestivals. Zu seinem
breitgefächerten Repertoire zählen
inzwischen nahezu alle bekannten Oratorien
und Kantaten von Bach, Mozart, Händel,
Haydn, Mendelssohn, Franck, Martin u. a.;
daneben pflegt er den Liedgesang. Dazu
kommt sein Engagement für die Moderne.
Seine Freude an „Alter Musik“ führt zu häu-
figer Zusammenarbeit mit entsprechenden
Ensembles wie z. B. „La Banda“, dem orpheus-
chor oder dem „Hassler-Consort“.
Rundfunk- und CD-Produktionen runden
sein Wirken ab.
Geistliche Musik am Münchner Hof
Johann Kaspar Kerll
und Agostino Steffani
Die Werke der beiden Münchner Komponisten
Johann Kaspar Kerll (1627–1693)
und Agostino Steffani (1674–1728) lassen
die hohe musikalische Kultur am Münchner
Hof in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
erlebbar werden. Johann Kaspar
Kerll, geboren im Vogtland, hatte seine
Ausbildung bei Valentini in Wien sowie bei
Carissimi und Frescobaldi in Rom erhalten;
hier war er auch zum katholischen Glauben
übergetreten. Seine Münchner Berufslaufbahn
begann, als er 1656 in den Dienst von
Kurfürst Ferdinand Maria trat. Als Hofkapellmeister
brachte er die einst unter
Orlando di Lasso so berühmte, danach
aber bedeutungslos gewordene Münchner
Hofkapelle wieder zu neuer Blüte. Mit Kerll
erlangte erstmals ein deutscher Musiker im
bisher von italienischen Einflüssen geprägten
Musikleben Münchens maßgeblichen
Einfluss. Die Zeitgenossen wussten vor
allem seine Opernkompositionen zu schätzen,
doch schrieb Kerll auch zahlreiche
geistliche Werke sowie Orgelmusik. 1658
war Kerll anlässlich der Kaiserkrönung
Leopolds I., für die er die Krönungsmesse
komponierte, in Frankfurt am Main; auch
später hielt er engen Kontakt zum Kaiserhof,
was ihm 1664 den Adelstitel eintrug.
1673 gab Kerll sein Münchner Amt auf
und ging nach Wien, wo er bis 1677 wohl
Organist am Stephansdom und dann Hoforganist
war. 1684 kehrte Kerll wieder nach
München zurück. Kerlls sämtliche Opern
und ein großer Teil seiner Vokalwerke sind
verlorengegangen. Erhalten sind nur dreizehn
Messen und zwei Totenmessen. Die
Tatsache, dass seine auftragsgebundenen
Messen bereits 1689 im Druck erschienen,
weist auf die besondere Wertschätzung
seiner Kompositionen durch die Zeitgenossen
hin. Die 1669 entstandene Missa
nigra trägt ihren Namen, weil sie durchweg
in sogenannter „schwarzer Notation“
geschrieben wurde. Die um 1600 sich ergebenden
Veränderungen in der Musik hatten
naturgemäß auch Auswirkungen auf die
Notenschrift. Die seit dem 15. Jahrhundert
übliche weiße Mensuralnotation, bei der
die Notenkörper nur durch Linien begrenzt
waren, wurde allmählich zugunsten der bis
heute üblichen Notenschrift mit Taktnotation
aufgegeben. Dadurch ergab sich ein
neues, ungewohntes Notenbild, das etwa
in Achtel-Läufen besonders „schwarz“
erschien. Die ebenfalls 1669 komponierte
Sammlung geistlicher Konzerte Delectus
sacrarum Cantionum widmete Kerll dem
bayerischen Kurfürsten Ferdinand Maria.
Die in Struktur, Metrum und Tempo sehr
unterschiedlichen Motetten erinnern an
die Kleinen Geistlichen Konzerte von Heinrich
Schütz.
Vom Institut für Bayerische Musikgeschichte
unter der Leitung von Dr. Stefan
Hörner wurde uns freundlicherweise die
Notenvorlage des Motettenzyklus Delectus
Sacrarum Cantionum zur Verfügung
gestellt. Die Instrumentierung der Motetten
und die Aufteilung nach solistischen und
chorischen Abschnitten hat Gerd Guglhör
entsprechend der von Johann Kaspar Kerll
anhand der Messe vorgegebenen Instrumentierung
und Einteilung eingerichtet.
Der aus dem Veneto stammende Agostino
Steffani hatte als Chorknabe an San Marco
in Venedig wegen seiner schönen Stimme
die Aufmerksamkeit eines Höflings von
Kurfürst Ferdinand Maria erregt. Er nahm
den Knaben an den Münchner Hof mit, wo
er, ergänzt durch einen Studienaufenthalt
in Rom, eine fundierte musikalische Ausbildung
erhielt. Steffanis Kompositionen,
meist Opern und Kammerduette, errangen
bald großes Ansehen. Vermutlich während
seines Rom-Aufenthalts hatte Steffani
auch Theologie studiert; 1680 wurde er zum
Priester geweiht. 1688 verließ der Musiker
München und wurde Kapellmeister am Hof
von Herzog Ernst August in Hannover. Doch
schon bald gab Steffani dort seine Tätigkeit
als Komponist auf. Sein geistlicher Stand,
gute Beziehungen zum bayerischen Hof
und seine diplomatische Begabung machten
ihn zu einem geeigneten diplomatischen
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Vertreter der hannoverschen Interessen.
1695–1702 war Steffani als hannoverscher
Gesandter am Hofe Max Emanuels von
Bayern in Brüssel tätig. 1703–1706 stieg er
im Dienst von Kurfürst Johann Wilhelm von
Pfalz-Neuburg zum Regierungspräsidenten
auf. 1706 wurde Steffani zum Titularbischof
von Spiga, 1709 zum Apostolischen Vikar
des Vikariates für Ober- und Niedersachsen
ernannt. Während Steffani als Diplomat
und Geistlicher zahlreiche Rückschläge
seiner Arbeit hinnehmen musste, war er
als Musiker erfolgreicher. Kurz vor seinem
Tod im Jahr 1728 wählte die Academy of
Vocal Music in London Agostino Steffani zu
ihrem Präsidenten.
Die 9-stimmige Psalmvertonung Laudate
Pueri wurde von Steffani im November
1673 in Rom komponiert in der Form eines
geistlichen Konzertes für zwei Chöre und
Orgel. Sie ist autograph in einem Sammelband
im Fitzwilliam Museum, Cambridge
(UK), erhalten und wurde von Christoph
Hammer ediert.
Brigitte Huber, Gerd Guglhör
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