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Als Volume 5 der Serie „Documents of the Munic Years“ präsentieren
James Levine und die Münchner Philharmoniker auf dieser Einspielung die
Creme de la Creme von Bartóks Kompositionen: Blaubart, Mandarin-Suite
und das Klavierkonzert Nr. 3.
Münchner Philharmoniker
Orchester der Landeshauptstadt München
James Levine, Dirigent/conductor
John Tomlinson, Blaubart/Bluebeard
Kremena Dilcheva, Judith/Judith
Örs Kisfaludy, Sprecher/speaker
Jonathan Biss, Klavier/piano
John Tomlinson: Blaubart/Bluebeard
Bass John Tomlinson wurde in Lancashire
geboren. Er schloss sein Studium als
Diplomingenieur ab, bevor er ein Stipendium
zum Royal Manchester College of Music
bekam; er wurde 1997 C.B.E. Tomlinson singt
seit 1974 regelmäßig mit der Englischen Nationaloper
sowie seit 1977 mit der Royal Opera
at Covent Garden. Er trat bei Opera North, der
Scottish Opera, im Glyndebourne Festival and
Touring Operas und der Kent Opera auf. Er
singt seit 1988 jedes Jahr bei den Bayreuther
Festspielen Rollen wie Wotan in Das Rheingold
und Die Walküre, den Wanderer in Siegfried,
Titurel und Gurnemanz in Parsifal, König
Marke in Tristan und Isolde, König Heinrich in
Lohengrin und Hagen in Götterdämmerung.
Engagements im In- und Ausland haben ihn
nach Genf, Lissabon, New York, Chicago, San
Francisco, San Diego, Paris, Amsterdam, Berlin
(Deutsche Oper und Deutsche Staatsoper),
Dresden, München und Wien gebracht sowie
zu Festspielen in Orange, Aix-en-Provence,
Salzburg, Edinburgh und zum Maggio Musicale
in Florenz. Sein Repertoire umfasst Rollen
aus Opern von Strauss, Schönberg, Birtwistle,
Beethoven, Verdi, Mozart, Offenbach, Débussy,
Pfitzner und Mussorgsky. John Tomlinson
hat ein breitgefächertes Lied- und Konzertrepertoire
und ist mit allen führenden britischen
Orchestern aufgetreten – auch in Deutschland,
Italien, Belgien, den Niederlanden, Frankreich,
Spanien, Dänemark und den USA.
Kremena Dilcheva: Judith
Die Mezzosopranistin wurde im bulgarischen
Stara Zagora geboren und studierte
in Sofia und München Gesang und Klavier.
Nach einem Engagement ans Opernstudio
des Teatro alla Scala hat sich die Künstlerin
mit Auftritten an renommierten Bühnen
in Deutschland, Österreich und Italien einen
Namen gemacht, darunter der Bayerischen
Staatsoper, dem Münchner Prinzregententheater,
dem Teatro Comunale in Florenz, dem
Ravenna Festival etc. Dank ihrer Gesangskultur,
Stimmschönheit und gestalterischen
Intensität gehört Kremena Dilcheva heute zu
führenden Sängerinnen ihrer Generation. Zu
ihren Paraderollen gehören vor allem klassische
und frühromantische Partien wie Cherubino,
Sesto, Rosina, Romeo in Bellinis I Capuleti
e i Montecchi, Orlofsky, Olga in Eugen
Onegin etc. In Ravenna und Fermo war sie in
Sartis Giulio Sabino und in München mit Hänsel
und Gretel zu hören. Im November 2003
sang sie mit den Münchner Philharmonikern
unter der Leitung von James Levine die Judith
in Bartóks Herzog Blaubarts Burg und wurde
frenetisch gefeiert. Wiederum mit Levine am
Pult trat sie im Juli 2004 in Wagners Parsifal
auf und wirkte als Solistin in Mendelssohns
Sommernachtstraum beim jährlichen Open
Air-Konzert der Münchner Philharmoniker vor
8.000 begeisterten Zuhörern auf dem Odeonsplatz
mit.
Örs Kisfaludy: Sprecher/Speaker
Der Künstler wurde in Budapest geboren,
lebte zeitweilig in Belgien und Äthiopien
und ist seit 1961 in der Schweiz ansässig; dort
begann er 1964 seine Schauspielausbildung am
Konservatorium von Lausanne. Seit 1972 tritt er
regelmäßig in Frankreich, Belgien und in der
Schweiz auf. Von 1985-1990 leitete Kisfaludy
eine eigene Musiksendung von „Radio Suisse
Romande“; seit dieser Zeit übernahm er auch
regelmäßig Sprechrollen in musikalischen Werken.
So wirkte er bei Konzerten unter Dirigenten
wie Erich Leinsdorf, Helmuth Rilling und Jesús
López Cobos mit. Zu seinen jüngsten Theaterrollen
zählen der Sganarelle in Molières Dom Juan
und Zorba in Alexis Zorba von Nikos Kazantzakis
am Théâtre de Jorat in Mézières.
Jonathan Biss: Klavier/Piano
Der amerikanische Pianist Jonathan Biss,
von der Washington Post als “tief musikalisch,
interpretatorisch klar und technisch
brillant” bezeichnet, hat sich bereits den Ruf
eines herausragenden Künstlers erworben,
dessen internationale Karriere sich durch
eine Vielzahl von Orchesterengagements und
Klavierabenden in den USA und Europa rasch
entwickelt. Als Interpret eines weitgefächerten
Repertoires, das von Mendelssohn, Mozart
und Beethoven bis zu Schumann, Schönberg
und Janác¡ek, aber auch zu den zeitgenössischen
Werken von Leon Kirchner und John
Corigliano reicht, wird Jonathan Biss hochgeschätzt
für seine packenden Programme,
künstlerische Reife und Differenziertheit und
nicht zuletzt für seine exzellente Technik.
1980 geboren, begann Jonathan Biss im
Alter von sechs Jahren mit dem Klavierspiel.
Sein Studium führte ihn an die Indiana University,
ans Curtis Institute of Music in Philadelphia,
wo er bei Leon Fleisher studierte,
sowie zur Fondazione Internazionale Theo
Lieven in Italien. Neben dem Klavier spielt Jonathan
Biss gerne Tennis und stöbert in Antiquariaten.
Populäre Meilensteine
Als einem der ganz wenigen Komponisten
des 20. Jahrhunderts ist Béla Bartók ein
besonderes Kunststück gelungen: nämlich
populär zu werden. Heute zählen seine Werke
zu den Meilensteinen der modernen Musikgeschichte,
die auch Eingang in den regulären
Konzert- und Opernbetrieb gefunden haben.
In Opposition zu den Zwölftönern um Arnold
Schönberg, Anton Webern und Alban Berg,
neben dem neobarocken Hindemith oder dem
Neoklassizisten Strawinsky behauptet sich
Bartók als eigenbrötlerischer Neofolklorist.
Doch die Erschließung der Quellen ungarischer
Volksmusik, die der Künstler gemeinsam
mit seinem Landsmann Zóltan Kodály in jungen
Jahren vorgenommen hat, sind nicht nur
von eminenter musikethnologischer Bedeutung,
sondern waren auch Mittel zum Zweck:
Indem die rhythmisch und tonal oft ungeahnt
komplizierte „Bauernmusik“ die Funktion einer
integralen Facette seines eigenen Schaffens
übernahm, erfuhren Bartóks kreative
Kräfte eine unaufhörliche Anregung, wurden
quasi freigesetzt. So glückte es ihm, moderne
Musik ohne dogmatische Starre, papierene
Blässe und publikumsfeindliche Esoterik zu
schreiben. Aaron Copland charakterisierte
1947 den Stil des zwei Jahre zuvor verstorbenen
Kollegen auf zutreffende Weise: „Er bringt
Musik einer trockenen, unsentimentalen Tatsächlichkeit,
voll einschneidender Rhythmen
und scharfer Dissonanzen. Ihm ganz besonders
eigen sind die langsamen Sätze. Sie sind
tief pessimistisch in ihrem Ton und haben eine
durch gelegentliche Explosionen erschütterte
Atmosphäre.“
Verspieltes Glück – versäumte Erlösung:
Béla Bartóks Oper
Herzog Blaubarts Burg
Lebensdaten des Komponisten:
geboren am 25. März 1881 in Nagyszentmiklós
(heute: Sinnîcolau Mare) im ungarischen Teil
Siebenbürgens (heute: Rumänien)
gestorben am 26. September 1945 in New
York
Entstehung:
Bartók komponierte seine einzige Oper 1911
innerhalb von nur sechs Monaten. Auf Rat
seines Kollegen und Freundes Zoltán Kodály
arbeitete er das Werk mehrfach um.
Uraufführung:
am 24. Mai 1918 in Budapest (Orchester und
Solisten der Budapester Oper unter Leitung
von Egisto Tango)
Herzog Blaubarts Burg markiert Bartóks
Durchbruch als Komponist. Der ereignete sich
aber erst sieben Jahre später, im Zuge der Budapester
Uraufführung des Werks. Nach einer
langen Zeit der Vernachlässigung – bei einem
Wettbewerb wurde die Partitur des Einakters
sogar als „unspielbar“ abgelehnt – avancierte
Bartók schließlich zum führenden Musiker
seines Landes. Wie sehr den Künstler die
anfängliche Zurückweisung seiner Oper getroffen
haben muss, zeigt ein Brief von 1913
an einen Freund: „Entweder haben die anderen
recht, dann bin ich ein untalentierter
Pfuscher; oder ich habe recht, dann sind sie
die Idioten. (…) Ich habe mich also damit abgefunden,
von nun an für den Schreibtisch zu
komponieren.“
In dem Zwei-Personen-Stück steigert sich
die Problematik der Wesensverschiedenheit
zwischen Mann und Frau zum unlösbaren
Konflikt zwischen Ratio und Emotio, zur Erkenntnis
einer unabwendbar bleibenden inneren
Einsamkeit. (In geändertem Zusammenhang
prägt dieser – autobiographische Züge
tragende – Gedanke auch Bartóks Pantomime
Der wunderbare Mandarin.) Die Herzog-Blaubart-
Sage existiert in vielen Varianten in ganz
Europa. Eine frühe literarische Fassung von
Charles Perrault stammt aus dem Jahr 1697.
Genau 100 Jahre später schuf der Dichter
Ludwig Tieck ein gleichnamiges Märchen.
Auch die Opernkomponisten interessierten
sich bereits lange vor Bartók für den Stoff:
André Ernest Modeste Grétry und Jacques
Offenbach brachten entsprechende Werke
auf die Bühne. Das Libretto aus der Feder des
Symbolisten Béla Balázs war eigentlich zur
Vertonung durch Zoltán Kodály bestimmt, den
die Vorlage jedoch wenig inspirierte. Bartók
hingegen war von dem Stoff begeistert.
Lediglich drei Rollen teilen sich die einstündige
Handlung: ein Bariton (Herzog), ein Sopran
oder Mezzosopran (Judith) und ein Sprecher
für den Prolog. Schauplatz ist die dunkle, kalte,
Tränen weinende Burg von Herzog Blaubart.
Sie symbolisiert Blaubarts Seele, wobei
sieben verschlossene Räume zum Sinnbild
werden für die Züge seines Charakters. Judith,
Blaubarts vierte Ehefrau, will die Burg – und
damit das Innenleben ihres Geliebten – mit
Licht und Wärme erfüllen, will alles erfahren
über ihn und seine Vergangenheit. (In Bartóks
Tonartendramaturgie werden Helligkeit und
Dunkelheit durch die tonalen Gegenpole C
und Fis repräsentiert.) Sie folgt dem geheimnisumwitterten
Herzog auf seine Burg und
dringt mit zwanghafter Neugier in sein Wesen
ein. Die ersten fünf Türen verbergen Blaubarts
Besitz, symbolisieren aber auch seine Macht:
Folterkammer, Waffenkammer, Schatzkammer,
geheimer Garten und das weite Land
stehen für sein bisheriges Leben. Nachdem
Judith diese fünf Türen geöffnet hat, drängt
sie auch auf freien Zugang zu den letzten beiden
Räumen. Blaubart hingegen erwartet eine
Liebe ohne Misstrauen: „Judith, lieb‘ mich,
Judith, frag‘ nicht“, fordert er noch unmittelbar
vor dem Öffnen der siebten Tür, hat aber
insgeheim schon kapituliert. Die sechste Tür
gibt einen Tränensee frei, die siebte schließlich
die Totenkammer dreier gekrönter Frauen
– Blaubarts früherer Geliebten, Sinnbilder für
Morgen, Mittag und Abend seines Lebens.
Umfangen vom Sternenmantel der Nacht,
verfällt auch Judith Blaubarts Bann und muss
den anderen Frauen folgen, die Burg fällt wieder
ins Dunkel.
Bartók führt den immerwährenden Konflikt
zwischen Ideal und Realität der Liebe in einer
singulären Melange aus Volksmärchen, Expressionismus
und artifiziellem Symbolismus
inklusive nuancierter Lichtfarbenregie vor. In
diesem Seelendrama gibt es keinen wirklichen
Raum für die Liebe, die bis zur Wende
vom 19. zum 20. Jahrhundert immerhin das
bestimmende Element jeder Opernhandlung
gewesen ist. Folglich kommt Herzog Blaubarts
Burg völlig ohne Liebesduett aus. Der
Komponist zeigt sich an der Schwelle zu einer
genuin eigenen Musiksprache: der von ihm
entwickelten neuen Form ungarischer Deklamation,
die auf dem „Parlando-Rubato“ der
Volksmusik beruht. Das Libretto von Balázs
ließ dabei der Musik genügend Freiraum, um
die Konturen mit Leben zu füllen.
Schwanengesang:
Béla Bartóks Konzert für Klavier und
Orchester Nr. 3
Entstehung:
Sein drittes und letztes Klavierkonzert komponierte
Bartók während eines Sanatoriumsaufenthalts
von Juni bis September 1945 in
Saranac Lake im US-Bundesstaat New York.
In New York City setzte er die Arbeit daran bis
kurz vor seinem Tod fort.
Widmung:
Bartók wollte das Werk seiner Schülerin und
zweiten Ehefrau Ditta Pásztory zueignen. Zu
einer schriftlichen Fixierung der Widmung
kam es allerdings nicht mehr.
Uraufführung:
am 8. Februar 1946 in Philadelphia/USA (Philadelphia
Orchestra unter Leitung von Eugene
Ormandy; Solist: György Sándor)
Das dritte Klavierkonzert sollte Bartóks letztes
vollendetes Werk sein – mit Ausnahme
der 17 Schlusstakte, deren Orchestrierung
sein früherer Schüler Tibor Serly vervollständigen
musste. Bis zum 21. September 1945,
dem Vorabend seiner Einlieferung ins West
Side Hospital in New York – vier Tage bevor er
starb –, hatte er an dem Konzert noch gearbeitet.
„Es tut mir leid, dass ich mit vollem Gepäck
scheiden muss“, sagte er zu einem der Ärzte,
die ihn behandelten.
Von seinen beiden Vorgängerwerken unterscheidet
sich das Konzert deutlich. Es ist
das insgesamt weichste und freundlichste der
drei, ohne dass damit eine Einbuße an kompositorischer
Qualität oder formaler Strenge
und Schlüssigkeit verknüpft wäre. Das Soloinstrument
wartet nicht mehr mit aggressiven
Schlagzeug-Effekten auf, die hämmernd-dissonanzenreiche
Akkordik ist weichen Legatolinien
und Klangtupfern gewichen. Der Klavierpart
ist melodiöser, filigraner und lichter. Selbst
die komplexen, oft asymmetrischen Taktarten
und zupackenden Rhythmen sind aufgegeben
zugunsten ebener Bewegungsabläufe – ein
generelles Moment des luziden Bartók’schen
Spätstils: „Auch hierin trat gegen das Lebensende
des Komponisten eine gewisse Vereinfachung
ein“, bemerkt dazu Bartók-Experte
Bence Szabolcsi, „als ob der immer mehr in
den Vordergrund tretende zusammenfassende
und humane Wesenszug seiner Kunst auch
hier nur die triumphierende Kraft zurückgelassen
hätte, ohne die aufwühlende, wilde Gewalt
der orgiastischen Rhythmen.“
Der Hang zur Vereinfachung betrifft auch die
Harmonik; an die Stelle chromatischer Dichte
sind eine harmonische Glättung und klangliche
Aufhellung getreten. Selbst Hörern, die wenig
Erfahrung mit der Musik des 20. Jahrhunderts
haben, erschließen sich die Schönheiten des
letzten Klavierkonzerts, weil sie hier am wenigsten
„verschlüsselt“ sind: Die mitunter
befremdenden „Klänge der Nacht“, die noch
das „Adagio“-Intermezzo im 2. Klavierkonzert
bestimmten, sind nun ersetzt durch die Morgenrufe
real notierter Vogelstimmen.
„Der Dankgesang eines Genesenden“
– diese fast sakrale Satzüberschrift lässt uns
in Analogie zu Beethoven an Bartóks persönliches
Schicksal und an einen Menschen denken,
der sich in der Über-Realität seiner Kunst
eine vorübergehende Heilung erhofft. Davon
zeugt auch die für Bartók völlig untypische
Vortragsbezeichnung des Mittelsatzes seines
3. Klavierkonzerts: „Adagio religioso“.
In den Tiefen der Hölle:
Béla Bartóks Orchestersuite Sz 73 zur
Pantomime „Der wunderbare Mandarin“
Literarische Vorlage:
Am 1. Januar 1917 publizierte die ungarische
Literaturzeitschrift „Nyugat“ das von Menyhért
Lengyel (1880-1974) verfasste Szenarium
einer „Pantomime grotesque“ mit dem Titel A
csodálatos mandarin (Der wunderbare Mandarin).
Entstehung:
Bereits im August 1917 hatte Bartók erste
Einfälle zu einem Bühnenwerk nach Lengyels
Mandarin notiert, von Oktober 1918 bis Mai
1919 brachte er eine erste Kompositionsskizze
zu Papier. Auf der Grundlage eines zweiten
Entwurfs entstanden 1923/24 gleichzeitig die
Orchesterpartitur und eine Version für Klavier
zu vier Händen. Für die zwei Fassungen
der gekürzten und chorlosen Orchestersuite
(1926/27) komponierte Bartók neue Schlusstakte,
für eine projektierte, aber zuletzt nicht
realisierte Budapester Bühnenaufführung
(1931) ein neues Finale.
Uraufführung:
Bühnenfassung: am 27. November 1926 in Köln
(Chor und Orchester des Kölner Städtischen
Opernhauses; Dirigent: Jenö Szenkár; Regie
und Ausstattung: Hans Strohbach; Mandarin:
Gustav Zeiller; Mädchen: Wilma Aug)
Endfassung der Orchestersuite: am 15. Oktober
1928 in Budapest (Orchester der Budapester
Philharmonischen Gesellschaft unter
Leitung von Ernö von Dohnányi)
Das letzte der drei Bühnenwerke Bartóks,
Der wunderbare Mandarin, besitzt einen
Ausnahmestatus: Sowohl hinsichtlich des
Inhalts als auch der verwendeten Ausdrucksmittel
reicht es weiter, greift tiefer und bringt
schärfer als alle früheren Kunstwerke die innere
Krise und Tragödie der modernen Welt ans
Licht. Der ungarische Schriftsteller, Bühnenund
Filmautor Menyhért Lengyel wandelte 1918
– gemeinsam mit Bartók – seine gleichnamige
Erzählung zur Kompositionsvorlage um.
Die Handlung hat Bartók ein Jahr danach in
einem Zeitungsinterview selbst so zusammengefasst:
„In einer Apachenbehausung zwingen
drei Strolche ein schönes junges Mädchen,
Männer zu sich heraufzulocken, die sie
dann ausrauben wollen. – Der erste Gast ist
ein armer Kerl, der zweite ebenfalls, der dritte
jedoch ein reicher Chinese. Das Mädchen
unterhält den Mandarin durch Tänze, erweckt
in ihm Wünsche, er entbrennt in heftiger Liebe.
Dem Mädchen graut es aber vor ihm. Die
Strolche überfallen, berauben, würgen ihn mit
dem Bettzeug und durchstechen ihn mit einem
Säbel, doch vergebens, sie vermögen dem
Mandarin nichts anzutun, der verliebt und
sehnsuchtsvoll das Mädchen anblickt. Das
Mädchen erfüllt den Wunsch des Mandarins,
der darauf leblos, tot hinstürzt.“
Der Künstler beendete zu Beginn des Jahres
1925 die Kompositionsarbeit an seiner Pantomime,
die ursprünglich für das Diaghilew-Ballett
gedacht war. Das Budapester Opernhaus legte
die Uraufführung nach langem Hin und Her für
den Beginn des darauffolgenden Jahres fest.
Dieser Termin wurde dann auf unbestimmte
Zeit verschoben, was Bartók schließlich dazu
bewegte, das Aufführungsrecht Jenö Szenkár,
dem Generalmusikdirektor der Kölner Oper zu
überlassen. Die Premiere am 27. November 1926
in der (zutiefst katholischen) Stadt am Rhein entwickelte
sich zu einem der größten deutschen
Theaterskandale: Die Zuschauer – sofern sie
nicht schon vorzeitig den Saal verlassen hatten
– quittierten die innovativen künstlerischen Absichten
des Komponisten und seines getreuen
Kapellmeisters mit wütenden Pfui-Rufen. Die
allgemeine Empörung rief Politik und Kirche auf
den Plan, zog Krisensitzungen und Protestkundgebungen
nach sich und in der Presse nicht
enden wollende Tiraden über das „Dirnen- und
Zuhälterstück mit Orchestertamtam“.
Schließlich wurde der Dirigent und GMD
Szenkár ins Amt der Kölner Oberbürgermeisters
zitiert – zu Konrad Adenauer. „Ich ahnte
Böses!“, gestand der Maestro im Rückblick auf
diese denkwürdige Begegnung. „Dr. Adenauer
empfing mich kühl und reserviert, platzte aber
sogleich mit der Sprache heraus, machte mir
die bittersten Vorwürfe, wie es mir eingefallen
wäre, so ein Schmutzwerk aufzuführen, und
forderte die sofortige Absetzung des Werks!
Ich versuchte, ihn von seinem Irrtum zu überzeugen;
Bartók sei unser größter zeitgenössischer
Komponist, man möge sich nicht vor der
musikalischen Welt lächerlich machen! Doch
er beharrte auf seinem Standpunkt, das Stück
musste vom Spielplan verschwinden.“ Konrad
Adenauer, der spätere erste Kanzler der Bundesrepublik
Deutschland, dürfte damit – weniger
rühmlich – auch in die Musikgeschichte
eingegangen sein.
Trotz aller Kampagnen und Intrigen war
Der Wunderbare Mandarin nicht umzubringen
und mauserte sich zum heutigen Welterfolg.
Für die geplante Budapester Erstaufführung
brachte Bartók 1931 einen neuen Schluss zu
Papier. Doch wiederum wurde die Premiere
am Opernhaus der ungarischen Hauptstadt
abgesagt – im letzten Moment. Die erste Bühnenaufführung
des Stücks in Budapest im Dezember
1945 sollte Bartók nicht mehr erleben.
Lediglich das Orchester der Philharmonischen
Gesellschaft hatte sich 1928 mit der gekürzten
und gegenüber der Bühnenfassung ohne Chor
auskommenden Orchestersuite an die Budapester
Öffentlichkeit gewagt. Diese, auf beiliegender
CD dokumentierte Konzertfassung
endet nicht mit dem Tod, sondern einer ekstatischen
Raserei des Protagonisten.
Der Wunderbare Mandarin – in welcher
Version auch immer – ist aus dem gleichen urtümlich-
animalischen Expressionismus
geboren wie Strawinskys Sacre du printemps und
Prokofjews Skythische Suite. Derbe Motorik,
unbegrenzter Dissonanzgebrauch und ein
scharfer Orchesterklang prägen auch den Stil
von Bartóks Tanzwerk, das er stets mehr dem
Genre der Pantomime als dem des Balletts
zugerechnet wissen wollte. Tonale Schwerpunkte
werden in Anlehnung an die Handlung
gesetzt, stilisierte Tänze sind Teil einer durchkomponierten
Musik.
Bartók ist es beim Wunderbaren Mandarin
gelungen, alles – brennpunktartig – zu vereinen,
was er sich bis dahin als Lehre aus den
Werken der übrigen Meister seines OEuvres
anverwandelt hatte. Nichtsdestoweniger blieb
ihm die Volksmusik weiterhin die wichtigste
Erlebens-Quelle und der Katalysator seiner
Musik. All dies löst sich hier jedoch in einer
kunstmusikalischen Sprache auf, die an Ausgefeiltheit
nicht zu übertreffen ist. Zu Recht
würdigte Bence Szabolcsi, der Doyen der
ungarischen Musikwissenschaft, deshalb
Bartóks Schaffen als gelungenen Versuch,
„auf einer der höchsten Stufen die Musik des
Jahrhunderts zusammenzufassen.“
Richard Eckstein
Fotos: Stefan Rakus
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