|
|
 |
| |
Schreiben Sie Ihre Meinung zu dieser CD
Valéry Afanassiev, piano · Mozarteum Orchester Salzburg · Hubert Soudant, conductor
Bereits mit der ersten Folge des Beethoven-Zyklus mit dem Mozarteum
Orchester Salzburg unter Hubert Soudant im letzten Jahr begeisterte
Valéry Afanassiev die Kritik! „Charaktervolle Beethoven-Darstellungen von
eindring lich ernster Klassizität“ schrieb dazu das Fono Forum.
Ludwig van Beethoven
In seinen Abhandlungen über Anna Karenina
läßt Nabokov eine seltsame Bemerkung
über die Behandlung der Zeit in Tolstois
Werken fallen: „Er ist der einzige Schriftsteller,
den ich kenne, dessen Uhr im Gleichtakt
mit den zahllosen Uhren seiner Leser tickt…
Was den Durchschnittsleser wirklich verführt,
ist Tolstois Gabe, seine Romanstoffe mit solchen
Zeitwerten auszustatten, wie sie genau
unserem Zeitempfinden entsprechen.“ In der
gleichen Abhandlung wirft Nabokov Tolstoi
vor, zu viele Seiten den landwirtschaftlichen
Problemen und Provinzwahlen zu widmen,
die dazu verurteilt sind zu veralten, „da sie mit
einem bestimmten geschichtlichen Abschnitt
verbunden sind.“
Ich denke hingegen, dass Tolstois (und
unser) Zeitgefühl sehr stark abhängig ist von
kurzlebigen „lokalen“ Angelegenheiten, aus
dem einfachen Grunde, dass wir in unserem
Alltagsleben unausweichlich in alle Arten unwichtiger,
äußerer Vorgänge und Probleme
verwickelt werden. Sie können nicht am Rande
gehalten oder gänzlich ignoriert werden;
und sogar wenn wir solcherlei täglichen Ereignissen
nicht viel Nachdenken widmen, ihr
bloßes Dasein bemächtigt sich unserer Zeit
und wirft einen Schatten auf die sonnendurchfluteten Denkmäler unserer Ideen und Ideale.
(Das Gleiche gilt für jene unserer Gedanken,
über die wir zu wenig nachdenken.) Nebenbei,
unser Körper mischt sich immer in die inneren
Angelegenheiten unseres Geistes und unserer
Seele ein, gemäß einigen Philosophen und
religiösen Denkern. Und Wissenschaftlern.
Tolstoi steckt Annas Leben nicht in eine
Nussschale, ganz im Gegensatz dazu, was die
meisten Romanautoren in ihrem Eifer, den Leser
in Spannung zu halten, wohl getan hätten.
Während ihrer letzten Fahrt zur Bahnstation
nimmt sie unbewusst die Aushängeschilder
wahr, die an ihr vorbeigleiten: „Büro und Warenlager.
Zahnarzt… Filipovs Kuchenladen.“
Diese Aushängeschilder dehnen die Zeit (und
den Raum) von Annas inneren Monologen und
verleihen dem ganzen Abschnitt einen eigenartigen
Rhythmus – den Rhythmus des Herzens,
das hier und da mal einen Schlag daneben
macht, was es von einem Metronom unterscheidet.
Die Agrarreform, Provinzwahlen
und die zahlreichen besinnlichen Betrachtungen
des Verfassers, über die viele Leser einschließlich
Nabokov die Stirn runzeln, spielen
in der Gesamtstruktur des Romans die gleiche
Rolle, indem sie seine literarische Zeit dehnen,
vermenschlichen und seine Seiten erweitern,
bis sie die Größe einer Landschaft erreichen:
Tolstois Raum deckt sich ebenso mit unserem.
(Letztendlich sind unsere Meditationen, unsere
inneren Monologe ein Teil der Dinge, die
wir gerade betrachten.) Den ganzen Roman
hindurch werden so eine ziemliche Anzahl
sogenannter nichtlokaler Zusammenhänge
aufgebaut. All dies trägt zum Dreidimensionalen
bei – besser noch, zur Quantenwirklichkeit
von Tolstois Charakteren, über die, um Nabokov
frei wiederzugeben, ältere Russen sich
abends beim Tee unterhalten, ohne klar zwischen
Anna, Kitty, Vronsky und ihren eigenen
Bekannten zu unterscheiden.
Nichtlokale Zusammenhänge sind der
wesentliche Teil der Quantentheorie. Jedes
Ereignis wird vom gesamten Universum beeinflusst.
So wird Annas Schicksal von etwas
beeinflusst, das irgendwo anders zu geschehen
scheint, in einem anderen Roman – in
dem Roman, der den Provinzwahlen und Lyovins
Suche nach Gut und Gott gewidmet ist.
Einstein konnte sich nicht dazu durchringen,
die Existenz nichtlokaler Zusammenhänge zu
akzeptieren, indem er sagte, Gott würfle nicht.
Nun, Tolstoi aber würfelte. So auch Beethoven,
besonders in seiner Spätzeit. In seinen
späten Quartetten und Klaviersonaten können
die Gesetze der Musik nur mit Begriffen der
Wahrscheinlichkeit formuliert werden.
Die klassische Sonate, die in Europa am
Ende des achtzehnten Jahrhunderts aufkam
und die Barocksonate ablöste, hat viele enge
Beziehungen zum psychologischen Roman
– und zu unserer Empfindung von Zeit und unserem
Gemüt im allgemeinen. Das menschliche
Leben scheint in Sonatenform komponiert
worden zu sein: die Exposition, die Entwicklung,
die Zusammenfassung. Der sogenannte
Tonartenkontrast, der bei Haydn und Mozart
den vollen Ausdruck erreichte, spiegelt den
Konflikt zwischen dem Helden und seinem
Schicksal (verkörpert in einem Todfeind, einer
nicht erwiderten Liebe, einem Krieg) – ein
unvermeidliches Merkmal des menschlichen
Lebens und des Romans.
Haydns Werke, bei all ihren persönlichen,
intimen Zügen, bleiben diesseits des Spiegels,
sozusagen. Man kann sie mit dem Sittenroman,
dem historischen Roman vergleichen
und manchmal sogar mit dem Schelmenroman,
in dem sich ein spitzbübisches Thema
zu einer Reihe tonaler Abenteuer aufmacht.
Die Inhalte seiner späten Symphonien und
Quartette treten oft in Wettstreit mit den Verwicklungen
eines Tom Jones. Und natürlich
sind seine Werke sehr realistisch, indem sie
die Welt der Töne mit einer Art Unmittelbarkeit,
beinahe Greifbarkeit ausstatten – in solch
einem Ausmaß, dass wir an wirkliche Gegenstände
und natürliche Erscheinungen erinnert
werden. Und doch hat Haydns Orchester- und
Kammermusik kein literarisches Programm.
(Die Abschiedssymphonie ist eine bemerkenswerte
Ausnahme.) Was wird in Haydns
Spiegel reflektiert? Kosmologie, Upperclass-
Bälle, Kostümbälle, Tänze im Freien, Ernte,
Spiele, Standuhren, Tiere usw. Es kommt nicht
von ungefähr, das einigen seiner Symphonien
allerlei Namen verliehen wurden: Der Morgen,
Der Mittag, Der Abend, Das Huhn, mit
dem Paukenschlag, Die Uhr, Militär-Sinfonie.
Nur La Passione und Trauer erinnern uns an
die Namen einiger von Beethovens Klaviersonaten:
Appassionata, Der Sturm, Mondscheinsonate.
Mozart blieb gleicherweise diesseits des
Spiegels; und dennoch versuchte er mehrmals,
ihn zu durchqueren. Was geschieht
nun tatsächlich, wenn man in einen Spiegel
schaut? Man sieht die Welt nur von außen;
und sogar die Wahrnehmung dessen, was
uns umgibt, kommt nicht von uns selbst, sondern
von unserer eigenen Reflexion, die ein
Teil des Bildes ist. Zumindest könnte man
vielleicht das Gefühl bekommen, außerhalb
seiner selbst zu sein. Was wird in Mozarts
Spiegel reflektiert? Eine Menge dramatischer
Konflikte, die aus einem Opernhaus stammen,
von einer Bühne. Mozart ist vorwiegend ein
Opernkomponist, und seine Behandlung der
Sonatenform enthüllt seine Vorliebe für
Gegensätze
und Verkleidungen. Er bevorzugt
stark differenzierte Themen und formt seine
zweiten Themen bei ihrem Wiedererscheinen
in der Reprise oft um, als würde er unbewusst
die Wandlungen nachgestalten, die seine
Charaktere in Cosi fan tutte und Figaros Hochzeit
durchmachen. Er geht so weit, einen tonalen
Konflikt zu schaffen zwischen erstem und
langsamem Satz, indem er letzteren in eine
nur entfernt verwandte Tonart setzt. (Haydn
neigt dazu, dualistische Tonartschemata mit
monistischem Themenmaterial zu verbinden,
indem er das Grundthema in beiden Tonarten
verwendet und so den Konflikt abschwächt.)
Mozart dramatisierte Instrumentalmusik
so weit, dass er sie wie eine Oper klingen
ließ, in der er gelegentlich selbst teilnimmt als
eine seiner eigenen Figuren. In einigen seiner
Werke jedoch mutet er sich zu, die Handlung
in sein Herz zu verlegen, und durchquert den
Spiegel. Aber sogar im Requiem finden wir
uns in Gegenwart zweier Mozarts: einer ist am
Schreibpult, der andere auf seinem Totenbett.
Ersterer komponiert gerade ein Requiem für
letzteren – oder für den mythischen „Mann in
Schwarz“, der den Auftrag gab. Das endgültige
(unvollendete) Ergebnis klingt nicht wie
Anna Kareninas innerer Monolog mit seinem
Anflug von Tod. (Oder wie der zweite Teil von
Faulkners The Sound and the Fury) In der Tat
klingt es überhaupt nicht wie ein innerer Monolog.
Dagegen klingen viele von Beethovens
Stücken wie innere Monologe.
„Da ist etwas Bizarres und Düsteres in
Ihrer Musik, weil Sie selber düster und bizarr
sind. Und der Stil eines Musikers ist immer der
Mensch“, sprach Haydn zu dem jungen Beethoven,
der eine kurze Zeit lang in Wien sein
Schüler war und Komposition und Kontrapunkt
studierte. Als wahrhafter Vertreter der Aufklärung
mochte sich Haydn wohl gewünscht
haben, seinen Schüler eine unpersönlichere,
harmonischere Annäherung an persönliche
Gefühle zu lehren. Er strebte unablässig nach
Ausgleich zwischen Gefühlen und Gedanken,
wogegen in Beethovens Werken zu viele Gedanken,
zu viele Gefühle sind – auf Kosten von
Natürlichkeit und Sachlichkeit.
In seinem Leben wie in seiner Musik war
Haydn abhängig von Esterházy und anderen
Auftraggebern beziehungsweise Sponsoren,
um einen modernen Terminus zu gebrauchen.
Er arbeitete oft für knapp angesetzte Termine
und hatte daher keine Zeit, mit seinen Werken
oder mit sich selbst zu leben. Er hatte
keine Zeit (und kein Bedürfnis), den Spiegel
zu durchqueren, sich von der Welt zurückzuziehen
und den Spiegel durch seine eigenen
Gedanken und Gefühle zu ersetzen. Was
er ausdrückt, sind allgemeine Gefühle – die
Gefühle der Menschen, die um ihn herum
wandeln und in den benachbarten Dörfern
und Städten tanzen. (Gibt es so etwas wie
ein allgemeines Gefühl von Einsamkeit?) Beethoven
andererseits war ein unabhängiger
Komponist – der erste Musiker, der ein Gehalt
ohne eine andere Verpflichtung bekam, als zu
komponieren, was und wann immer es ihm
beliebte. Er konnte es sich leisten, jahrelang
am selben Stück zu arbeiten, auf der Suche
nach der note juste auf „zweite Gedanken“
und „dritte Gedanken“ und „vierte Gedanken“
und so weiter und so fort zurückzugreifen.
Flaubert verlangte von einem Schriftsteller,
überall und nirgends zu sein, von unsichtbaren
Thronen aus über seine Figuren zu herrschen.
(Heutzutage ist es der Leser, der über Figuren
und Sätze herrscht – über Bücher insgesamt.
Und es gibt Mächte hinter diesem Thron.) Die
Musik Haydns entspricht dieser Auffassung;
wie auch sehr viele von Mozarts Werken.
Aber Beethoven lässt seine Melodien und
Harmonien niemals alleine, wobei er sich oft
wie ein Wichtigtuer oder sogar wie ein Tyrann
benimmt – besonders, wenn er eine Fuge komponiert.
In der Tat, im Gegensatz zu manchen
Künstlern, die fröhlich die Rolle eines Mittlers
annehmen, versucht er nie, eine vermeintlich
präexistente Idee aus dem Ratschluss
Gottes nachzubilden. (Bruckner sagte ein-
mal, dass seine Symphonien ihm von Engeln
diktiert worden seien.) Noch bildet er jemals
ein Werk nach, das schon in der Vorstellung
der Hörer existiert. (Heutzutage ein üblicher
Vorgang: Etwas aus den Vorstellungen der
Kunden nachzubilden, wer immer sie sein
mögen – Konzertbesucher, Leser, Fernsehzuschauer.)
Und dennoch scheint seine Musik
von den Menschen belebt zu sein, über die wir
vielleicht auf der Terrasse eines Landhauses
reden. Mit anderen Worten, seine Uhr geht
so wie unsere Uhren; und sein Herz schlägt
in einem Rhythmus mit unseren Herzen. Es ist
bemerkenswert, das die Missa Solemnis als
Motto die folgenden Worte trägt: „Von Herzen
– möge es wieder zu Herzen gehen.“ Diese
Worte scheinen von Tolstoi geschrieben zu
sein: der Stil seiner letzten Werke ist beides,
gewichtig und durchdringend. Jedoch hätte
er vielleicht „Herz“ durch „Seele“ ersetzt.
Wäre Beethoven ein Romanautor gewesen,
er wäre nach Tolstois Art vorgegangen,
seine Gedanken seinen Figuren (und dem Leser)
aufzuzwingen. „Wir haben dann und wann
das Gefühl, dass Tolstois Roman das eigene
Selbst schreibt, von seinem eigenen Stoff,
von seinem Gegenstand erzeugt wird, nicht
von einer bestimmten Person, die eine Feder
von links nach rechts bewegt, dann zurückkommt,
ein Wort ausradiert, überlegt und sich
durch den Bart hindurch am Kinn kratzt“, sagt
Nabokov in seinen Abhandlungen über Anna
Karenina. Ich, um einen zu nennen, habe nie
das Gefühl, dass Tolstois Werk ihm von Engeln
oder anderen himmlischen Sendboten diktiert
wurde. (Von jenen, die von Platonischen Ideen
Erfahrung aus erster Hand haben; ein Kunstwerk
ist im Grunde eine Platonische Idee.) Im
Gegenteil, Tolstoi bewegt stets seine Feder
von links nach rechts (und von oben nach
unten). Mehr noch, er schreibt auf unseren
Herzen und Seelen und radiert dabei unsere
eigenen Gedanken und Gefühle aus – wie das
jeder tyrannische Lehrer tut.
Im Eifer seines didaktischen Elans wiederholte
Beethoven oft Akkorde und Arpeggios
oder nur eine Note (der letzte Satz
der Klaviersonate Opus 110), wie um einen
musikalischen Gedanken seiner schwerfälligen,
trägen Hörerschaft einzuschärfen. In
Wirklichkeit hatte er es nicht nötig, so zu handeln:
auf lange Sicht erzeugte die Anhäufung
seiner Gedanken eine neue Art musikalischer
Verständigung, ein wenig verwandt mit dem,
was man Psychokinese nennt. Tatsächlich ist
seine Musik so gedrängt, dass wir stets unter
dem Eindruck stehen, alles werde mehrmals
wiederholt und hinterlasse einen Eindruck in
unserem Körper. (Vom Körper – möge es
wieder in den Körper dringen)
Das Heiligenstädter Testament endet so:
„Wie die Blätter des Herbstes herabfallen,
gewelkt sind, so ist auch sie [die Hoffnung,
geheilt zu werden] für mich dürr geworden,
fast wie ich hieher kam, gehe ich fort. Selbst
der hohe Mut, der mich oft in den schönen
Sommertagen beseelte, er ist verschwunden.“
In Dombey and Son von Dickens stieß
ich zufällig auf folgendes Beispiel von Psychokinese:
„Mr. Dombey verkörperte in sich
selbst den Wind, den Schatten und den Herbst
der Tauffeier. Er stand in seiner Bücherei, um
die Gesellschaft zu empfangen, so hart und
kalt wie das Wetter; und wenn er durch den
Wintergarten hinausschaute auf die Bäume in
dem kleinen Garten, kamen ihre braunen und
gelben Blätter herabgeflattert, als ließe er sie
verderben.“ Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang
Haydns Worte an seinen Schüler
wiederholen: „Da ist etwas Bizarres und
Düsteres in Ihrer Musik, weil Sie selber düster
und bizarr sind.“ Diese Bemerkung reicht
zurück in die Jahre, als Beethoven noch nicht
ahnte, was ihm bevorstand – seine Taubheit,
welche ihn den größten Teil seines Lebens
quälte. Dennoch verkörperte er bereits in sich
selbst den Wind (oder eher den Sturm), den
Schatten, den Herbst. Und das Laub seines
Herbstes war lange verdorrt und gefallen,
ehe er eine Feder ergriff, um das Heiligenstädter
Testament zu schreiben. (Tatsächlich
bewegte sich jene Feder jahrelang von links
nach rechts.) In meinem Aufsatz über die Diabelli-
Variationen schreibe ich den Ursprung
von Beethovens Taubheit einem unbewussten
Verlangen zu, sich gegen die Wiener Schule
abzuschirmen, gegen ihre Sachlichkeit und
ihren leichtgängigen Stil. Gleicherweise mag
wohl sein Unterbewusstsein eine Entschuldigung
gesucht haben: Beethoven musste
sich gegenüber Haydns (und anderer Leute)
Anschuldigungen entlasten. Und sein Körper
bot pflichtgemäß eine Entschuldigung, spielte
die Rolle eines Höflings, der jemanden umbringt
(einen Thronerben), nur weil er denkt,
sein Gebieter wünsche, dass er den Mord
begehe. Wie man wohl erwarten konnte, legt
Beethoven im Heiligenstädter Testament alle
Schuld auf seine Krankheit: „O ihr Menschen,
die ihr mich für feindselig, störrisch oder misanthropisch
haltet oder erklärt, wie unrecht
tut ihr mir. ihr wisst nicht die geheime Ursache
von dem, was euch so scheint. Mein Herz und
mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte
Gefühl des Wohlwollens.“
Außer dass sie ihm einen Vorwand gab,
sich von der Gesellschaft zurückzuziehen,
setzte seine Taubheit seiner Laufbahn als
Klaviervirtuose ein Ende. Erstrebte er das unbewusst? Er mochte sich der Gefahr bewußt
sein, die in seiner wundervollen, unvergleichlichen
Gabe zur Improvisation lag: sogar Mozart
stand ihm auf diesem Gebiet nach. Die
Gabe zur Improvisation hätte sicherlich Beethovens
Musik beeinflusst, indem sie den Weg
zu seinen zweiten Gedanken verriegelt hätte,
ganz zu schweigen von dem zu seinen dritten
Gedanken. Kein Wunder, dass er sich am Ende
seines Lebens nach den Tagen zurücksehnte,
an denen er vor einer von Staunen ergriffenen
Hörerschaft ein Musikstück zu improvisieren
pflegte. Und diese Sehnsucht brachte viele
Passagen hervor – ganze Sätze – welche
wie Improvisationen klingen. Oder wie innere
Monologe. Aber diese Improvisationen sind
die Frucht eines zeitraubenden und schmerzlichen
schöpferischen Vorgangs, in dessen
Verlauf die Musik oft Beethoven an der Kehle
packte – in den Rachen griff, um seine
eigenen Worte abzuwandeln. („Ich will dem
Schicksal in den Rachen greifen“, schrieb er
in einem Brief an seinen Freund Franz Wegeler.)
Stunden um Stunden, am Ende tagelang,
ging er gewöhnlich in seinem Zimmer auf und
ab, schüttelte den Kopf (um den Griff der Musik
zu lösen) und enthielt sich der Nahrung
trotz der kulinarischen Bemühungen seiner
Hausfrau. (Wenn er gerade eine Fuge komponierte,
pflegte er zwei oder drei Tage lang keine
Nahrung anzurühren.) In jenen Momenten
war er nicht nur in den Wehen der Schöpfung;
es war, wie gewöhnlich, eine Frage von Leben
und Tod.
Noten, Noten, Noten – um Hamlets Worte
frei zu gebrauchen. Noten seinem Leben anpassend.
Und sein Leben Noten anpassend.
(Die andere Seite des Spiegels – der innere
Spiegel.) Dann und wann scheint Beethoven
im Kreise zu gehen, als ob er den Teufelskreis
erkunden wolle, in dem er gefangen war.
(Und nur Gefangene können wahrhaft die
Freiheit empfinden, die in Beethovens Werken
in Improvisation und in der Oper Fidelio
symbolisiert wird.) In dieser Hinsicht war er
auch Tolstoi sehr ähnlich, der Variationen als
musikalischer Form verfallen wäre, wäre er
Komponist gewesen. Beide, Beethoven und
Tolstoi, streben danach, ihre Gedanken mit der
äußersten Klarheit und Vollständigkeit auszudrücken;
und die Variation ist eine Form, die für
diesen Zweck am geeignetsten ist. (Im Grunde
ist das Leben ein Zyklus von Variationen über
Gene.) Mehr noch, sie deckt sich mit der Subjektivität
der menschlichen Zeit, über welche
Augustinus so beredt in seinen Bekenntnissen
sprach. Sie ist die Form unserer inneren Monologe,
die oft auf eine einzige Idee hin konzentriert
sind, einen Gedanken – ein Thema,
in musikalischer Terminologie. Die berühmte
letzte Episode von Joyces Ulysses ist solcherart
auf die Liebe konzentriert. Mollys Gedanken
kreisen um die Liebe, um ihr Licht, bis
beide vom Schlaf gelöscht werden. Wir sind
weit entfernt davon, was Calvino in seinen
American Lessons vertritt: Schnelligkeit und
Leichtigkeit. Natürlich sind weder Tolstoi noch
Beethoven langatmig und schwerfällig. Eine
Menge geschieht in Beethovens Werken; im
Vergleich zu Schuberts Schwung und Ausmaß
sind sie vollgepackt mit Handlung. Und ebenso
Tolstois Romane und sogar seine Sätze. Auf
folgendes stieß ich zufällig in meiner Ausgabe
der Encyclopaedia Britannica: Wenn Tolstois
Krieg und Frieden ein großartigerer Roman ist
als Fieldings Tom Jones oder Dickens’ David
Copperfield, kommt das nicht daher, dass sein
Thema vornehmer oder pathetischer oder geschichtlich
bedeutsamer ist; es kommt daher,
dass Tolstoi in dieses weitreichende Drama
die Dichte und Dringlichkeit bringt, welche
überlicherweise als das Vorrecht kürzerer Romanliteratur
betrachtet wird.
Dasselbe gilt natürlich für Beethoven. Wie
wirken die Dichte und Dringlichkeit in seinen
Werken? Nehmen wir ein Stück, das jeder
auswendig kennt: Für Elise. Warum ist es so
intensiv, so volkstümlich – so unausweichlich
in gewissem Sinn? Das Thema ist ziemlich
einfach, um nicht zu sagen primitiv. Ein
kurzes Motiv (eine gedrängte Melodie) wird
viele Male mit nur leichten Veränderungen
wiederholt. Die meisten Menschen aber pflegen
sie als eine hypnotische Melodie zu betrachten,
die einen verfolgt. Warum? Wegen
ihrer Einfachheit? Sicherlich, viele Melodien,
die von Beethoven geschrieben wurden, sind
einfach und sogar rudimentär. Oft bestehen
sie nur aus einem kurzen Arpeggio. (Und Für
Elise beginnt mit einem langsamen Triller.)
Aber Werke ungeheurer Komplexität wuchsen
aus diesen „Genen“. Warum verfolgen
sie uns trotz ihrer Komplexität, die im Bereich
der Kunst unablässig beargwöhnt werden?
(Viele Leute sprechen von Mozarts „göttlicher
Einfachheit“. Ich habe niemals jemanden die
gleichen Worte äußern gehört in Bezug auf
Beethovens Musik.) Warum sind wir versucht,
über sie zu sprechen, als seien sie unsere
alten Bekannten, unsere Freunde und sogar
unsere Geliebten?
Ein Hypnotiseur wiederholt die gleichen
Wörter in einem suggestiven Ton. Wir fallen in
Schlaf und träumen von Dingen, an die wir uns
in wachem Zustand wahrscheinlich nicht erinnern
können. Beethoven wiederholt oft das
gleiche Motiv mit nur leichten Veränderungen.
(Der erste Satz der Fünften ist ein gutes Beispiel.)
Wir bleiben natürlich hellwach, aber
etwas, ähnlich einer hypnotischen Sitzung,
geschieht während einer Aufführung seines
Werkes – auch wenn keine auffälligen Wiederholungen
darin sind.
Beethoven treibt alles heim. („Heim“ ist
eines seiner Schlüsselwörter.) Zusätzlich zu
seinen hypnotischen Kräften enthüllt er gelegentlich
auch seine chirurgischen Fähigkeiten,
indem er eine Herztransplantations-Operation
ausführt, um sein Motto „von Herzen zu Herzen“
auf seine einfachste Form zurückzuführen.
In Beethovens Skizzenbüchern könnte man
die Veränderungen verfolgen, die seine Symphonien
und Sonaten durchmachten, ebenso
seine Quartette. Einige Melodien wurden gewöhnlich
reduziert, verkürzt, als er weiter an
ihnen arbeitete – jahrelang; andere erweitert,
kamen in Blüte, gleichsam, um das vorherrschend
Herbstliche zu neutralisieren, das er
im Nachtrag zum Heligenstädter Testament
anschlug. (Das Adagio des Kaiserkonzertes ist
ein gutes Beispiel für letztere Art. Ebenso das
Andante der Kreutzer Sonate.) „Frühling“ ist
ein weiteres Schlüsselwort.
Die Art, wie Beethoven an seinen Melodien
arbeitete, erinnert mich an die folgende Passage
aus Richard Dawkins River out of Eden
(Fluss aus dem Paradies):
„Jede Generation ist ein Filter, ein Sieb: gute
Gene neigen dazu, durch das Sieb in die
nächste
Generation zu fallen; schlechte Gene neigen
dazu, in Körpern zu enden, die jung sterben
oder keine Nachkommen haben. Schlechte
Gene können eine oder zwei Generationen
lang durch das Sieb gelangen, vielleicht weil
sie das Glück haben, sich einen Körper mit guten
Genen zu teilen. Aber man braucht mehr
als Glück, um erfolgreich durch tausend Siebe
nacheinander zu steuern, ein Sieb unter dem
anderen. Nach tausend einander folgenden
Generationen sind wahrscheinlich die Gene,
welche es geschafft haben, die guten.“
Kein Komponist hatte je früher so gearbeitet.
Und sehr wenige nach ihm.
Der Strom der DNA „fließt durch die Zeit,
nicht durch den Raum. Er ist ein Strom der Information,
nicht ein Strom aus Knochen und
Geweben: ein Strom abstrakter Instruktionen
zu Körperbau, kein Strom fester Körper selbst.
[…] Der Strom rein digitaler Information, der
majestätisch durch die geologische Zeit fließt
und sich in drei Billionen Zweige aufspaltet.“
Für Elise und der erste Satz der Fünften Symphonie
sind auf Bausteine gegründet – eher
auf Gene als Themen. (Ebenso die Klaviersonate
in F-Dur, Opus 54 und der größere Teil
der Klaviersonate in E-Dur, Opus 109.) Sie
haben mehr Berührungspunkte mit lebendem
Material als mit Kunstwerken, indem sie die
Erscheinung der Selbstorganisation zeigen,
deren Haupteigenschaften Selbsterneuerung,
Anpassung und Entwicklung sind.
Der erste Satz der Eroica beruht hauptsächlich
auf einem Arpeggio-Thema, welches
im Laufe seiner Selbsterneuerung, Anpassung
und Entwicklung über den herkömmlichen
Rahmen der Sonatenform hinauswächst und
schließlich eine gigantische, tumorähnliche
Coda einleitet. Sie klingt wie ein gutartiger
Tumor, zuerst; da folgt der Trauermarsch.
Sein ganzes Leben lang strebte Beethoven,
dem Nachtrag zum Heiligenstädter
Testament entgegenzuwirken, indem er dem
Schicksal in den Rachen griff. Manchmal ist
das Ergebnis ein naiver Ausbruch von Freude;
manchmal scheint seine Freude an Hysterie
zu grenzen. (Im Finale der Neunten.) Aber eine
Menge Melodien, die seine langsamen Sätze
so schön machen, sind gelassen, heiter und
können mit japanischer Dichtung verglichen
werden. Sie verraten keine sinnlichen Nuancen,
die für Mozarts Melodien charakteristisch
sind.
Ein Veilchen pflücken, –
Das zarte Herz
Des Frühlings!
(Gyïdai)
Stille Blumen
Sprechen auch
Zu jenem aufmerksamen Ohr im Innern.
(Onitsura)
„Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“
– mit diesen Worten beschreibt er seine
Pastorale. (Viele seiner Werke hätte man
„Pastorale“ nennen können.) Eine weitere
Reflexion im inneren Spiegel, ein weiterer
innerer Monolog. Der Punkt ist, dass sehr
viele von Beethovens Gedanken in seinem
Herzen ihren Ursprung haben, so dass ich in
Bezug auf seine Musik statt „herzensgefühlt“
lieber „herzensgedacht“ sagen sollte, womit
ich ein neues Wort präge. (Ein weiteres seiner
Schlüsselwörter.)
Matthew Arnold schrieb in einem seiner
Essays: „Die Wahrheit ist, wir sollen Anna
Karenina nicht als Kunstwerk betrachten;
wir sollen ihn (den Roman) als ein Stück
Leben betrachten.“ (Die landwirtschaftlichen
Probleme und die Provinzwahlen sind die
unverzichtbaren Zutaten zu jenem Abschnitt
Leben.) Und Haydn komponierte Kunstwerke.
Ebenso Mozart, Brahms, Chopin, Monteverdi.
(Sie würfelten nicht.) Beethoven ist in dieser
Beziehung Bach näher. (Und in vielen anderen
Beziehungen. Psychologisch, geistig ist er
Bach näher als Haydn und Mozart, besonders
in seinem letzten Abschnitt. Nur, Bachs innere
Monologe waren Dialoge in Verkleidung – ein
fortwährendes Gebet.) In Beethovens innerem
Spiegel wurde eine ganze Menge reflektiert:
Napoleonische Kriege und japanische Dichtung,
der Mond und Filipovs Kuchenladen,
totes Laub und der Garten Eden. In meinem
Essay über die Diabelli-Variationen schrieb
ich, dass Beethoven der beste Exponent für
das Paradies in der Musik sei, wegen all
seiner Heimsuchungen und Leiden. In der Tat
scheint er eine Dantesche Reise gemacht zu
haben: von der Hölle zum Paradies, von Moll
zu Dur (oft innerhalb desselben Werkes), von
hier zur Ewigkeit. Und wie Dante hatte er
den Dreh heraus, die Zukunft vorherzusagen
– zumindest jene der Musik. In gewisser Hinsicht
schrieb er Science-Fiction-Romane.
Und die Zukunft kann sich nur in dem inneren
Spiegel reflektieren. Die Zukunft spricht
auch zu jenem aufmerksamen Ohr im Innern.
Valéry Afanassiev
Übersetzung: Beth Gahbler
Rezensionen| Ohne Angabe (Maria Meylikhova) | When will this CD be available in the US?
Thank you,
Maria Meylikhova
| | Datum: 29.09.2004 | Ort: Ohne Angabe | Bewertung:  | | Rezension zu: Afanassiev, Valery: Ludwig van Beethoven: Piano Concertos Nos. 1, 2 & 4 |
| | Afanassiev (Anonym) | aufgrund Ihres Newsletter vom 13. April habe ich mir gleich nach Erscheinen
im Juli die Kassette mit den Beethoven-Konzerten 1,2 und 4 mit Valery
Afanassiev gekauft. Es freut mich, Ihnen mitteilen zu können, daß ich
genauso begeistert bin wie bei den beiden früher publizierten Konzerten.
Da hat sich endlich mal wieder ein Interpret Gedanken gemacht, bevor er
sich an den Flügel setzte - das Ergebnis ist überwältigend! Ich wünsche
Ihnen den verdienten Verkaufserfolg und verbleibe
mit den besten Grüßen
| | Datum: 21.07.2004 | Ort: Ohne Angabe | Bewertung:  | | Rezension zu: Afanassiev, Valery: Ludwig van Beethoven: Piano Concertos Nos. 1, 2 & 4 |
| Durchschnittliche Bewertung:  | |
|
|